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Kritische Studien zur ältesten Geschichte - . der Chinarinde.

Vorbemerkung.

ichen Forschungen

mit dem Ende des

Die Chinologie so hat man Alles an Wissenschaft über die Chinarinde zusammenfassend benannt hat - 19. Jahrhunderts einen gewissen Abschluß erreicht. Es bedarf aber die .älteste Geschichte der Chinarinde notwendig einer kritischen Revision. Die gegenwärtige Abhandlung soll vor allem diese Notwendigkeit be- gründend 'dartun und zugleich den ersten, wenn auch kleineren Teil dieser kritischen Sichtungr vornehmen. Wir orliedern die Arbeit in die folgenden vier Kapitel, von denen das erste mehr den Charakter einer - allgemeinen Einleitung hat.

I. Die Bedeutung der Chinarinde für die Menschheit.

II. Das bisherige Studium der ältesten Chi naliteratur.

III. Alte Pseudo-Chinaschriften verschiedener Art.

IV. Zur Frage nach der ältesten Chinaschrift.

An den gekennzeichneten Stoff konnte mit einiger Aussicht auf Erfolg nur unter Ausnützung einer umfangreichen Literatur herangetreten werden. In diesem Punkte wurde vom Verfasser versucht, was nur immer möglich war, um die seltene älteste Chinaliteratur vollständig einsehen zu können. Außer durch die Bibliothek des Jesuitenkollegs in Feldkirch haben meine bisherigen Studien zur ältesten Geschichte der Chinarinde Vonseiten folgender Bibliotheken Unterstützung erfahren: Stadt-Bibliothek Aachen, kgl. Bibliothek Berlin, Univers.-Bibliothek Bern, Stifts-Bibliothek Braunau, kgl. Bibliothek Brüssel, Stadt-Bibliothek Cöln, Univers.-Bibliothek Genua, Univers.-Bibliothek Innsbruck, Bibliothek d. pharmak. Instituts

Innsbruck, Univers. -Bibliothek Löwen, Ambrosiana und National- Bibliothek Mailand, Universr-Bibliothek Messina, kgl. Hof- und Staats- Bibliothek München, Univers. -Bibliothek München, Univefs.-Bibliothek Straßburg, Kollegs-Bibliothek Valkenberg (Holland), k. k. Hof-Bibliothek Wien, Univers.-Bibliothek \^'ien.

^ Für diese so ausgiebig gewährte Hilfe wiederhole ich hier meinen aufrichtisren Dank. Mehrfach sind mir auch hervorragende Gelehrte bei Beschaffung der Literatur in zuvorkommender Weise behilflich gewesen Äiif zahlreiche briefliche Anfragen wurde mir freundlichst Auskunft gegeben. Dankbar gedenke ich all dieser Unterstützung und Anregung. Wenn vieles in den folgenden Zeilen noch keine Verw^ertung gefunden hat, so wird dies hoffentlich bei späterer Gelegenheit geschehen können. Zu ganz besonderem Danke für wiederholte, oft mit längerem Zeitaufwande verbundene literarische Hilfe bin ich meinem Ordensgenossen P. Georg Fell S. J. in Mailand, dem trefflichen Kenner der mailändischen Biblio- theken, verpflichtet. ' |

I. Die Bedeutung der Cfiinarinde für die (Tlenscfifieit.

/ Die vorliegende Studie sowie weiterhin zu veröftentlichende Forschungen zur ältesten Geschichte der Chinarinde verlangen wohl zunächst einige einleitende Bemerkungen über die große Bedeutung der »China« für die m'enschliche Gesellschaft. Damit ist schon zur Genüge gesagt, daß die in diesem Kapitel gegebenen Ausführungen sich weniger an die Fach- männer der Botanik, Pharmakognosie und Medizin wenden. Diesen ist der unschätzbare Wert der Pflanzengattung Cinchona sowie die vielfältige Beziehung, welche die Chinabäume und ihre Rinde seit 250 Jahren in stets steigendem Maße mit verschiedenen Wissensgebieten aufs engste verknüpft hät, seit langem bekannt. . .

Aber wenn die Rinde in der Vergangenheit so häufig und bedeutungs- voll di^xGeschicke von Millionen Menschen beeinflußte, wenn sie gegen- wärtig Jahr J^ür Jahr viele Tausende vom Tode errettet und direkt wie indirekt mächtig in die volkswirtschaftlichen Verhältnisse der Zeit ein- greift, so werden nicht bloß einzelne Fachwissenschaften für die Geschichte des berühmten südamerikanischen Heilmittels interessiert sein. Die Chinarinde darf wenigstens ein bescheidenes Plätzchen in der allge- meinen Kulturgeschichte der Menschheit beanspruchen. Dann muß aber zunächst diese große Bedeutung der Rinde für die Menschheit mehr zur allgemeinen Kenntnis gebracht werden. In aller Kürze möge

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dieses in dem ersten Abschnitte der vorliegenden Abhandlung auf Grund

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der modernen chinologischen Forschung geschehen.

-Ura auch nicht fachmännisch g(ibildeten Lesern ein Werturteil zu er^ möglichen, werden vor allem' äußere Kriterien heranzuziehen sein. Man sehe zu, wie die hervorragende t Vertreter der verschiedenen Fach- wissenschaften über die China urteilen und geurteilt haben; man beachte die Opfer und Anstrengungen, welche moderne große Staaten es sich kosten ließen, um die Rinde sozusagen zu einem internationalen Besitztum der Menschheit zu machen; man orientiere sich über die Millionen von Kilogramm, in welchen die Rinde al [jährlich auf den Markt kommt, und über die Millionen von Menschen, v eiche Jahr für Jahr das aus ihr ge- wonnene Heilmittel »Chinin« gebrauchen müssen; man stelle sich ohne Chinin vor die außereuropäischen K:^lonien der kaukasischen Rasse, die christlichen Missionäre, die 'Forschungsreisenden, das Militär in den Malaria- gebieten! Nur wenige Einzelheiten seien zur Illustration beigebracht.

Seit langer Zeit lautet das einstimmige Urteil der wissenschaftlichen Medizin: Die Chinarinde liefert das berühmte spezifische Heilmittel gegen die Malaria, das Chinin. Damit ist die Rinde als eine unbezahlbare Kostbarkeit bezeichnet für diejeniger , welche das für die Menschheit so inhaltsschwere Wort Malaria verstehen. Gehört doch die Malaria in ihren' zahlreichen Formen, in ihrer ausgedehnten geographischen Verbreitung, in ihren durch so lange Zeit unerforschlichen Geheimnissen seit Jahrtausenden zu den Geißeln 'der Menschheit, wie zu den großen Problemen der menschlichen Forschung. Julius Mannaberg,*) ein Wiener Malaria- forscher, bringt diese immense Bedeutung ' der Rinde für die Be- handlunor der Malaria schon in der Einleitung seines hervorragenden

Malariawerkes treffend zum Ausdruck

der Malaria wird durch zwei Haupteireignisse zwanglos in drei Epochen

geteilt. Das erste dieser Ereignisse Eigenschaften der Chinarinde, das

Parasiten durch Laveran«. Die Entdeckung des Franzosen Laveran erfolgte

am 6. November 1880; an sie schließ

Die Geschichte von der Erkenntnis

ist die Entdeckung der spezifischen -weite die Entdeckung der Malaria-

en sich dann während der folgenden

2 Jahrzehnte die bedeutungsvollen Funde an, durch welche die ganze Entwicklung und Lebensweise der Malariaparasiten den Biologen klar vor Augen gestellt wurde. Demnach lassen sich all die Bemühungen der Hippokrates und Galenus, der arabischen Forscher, der christlichen Ärzte bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts in eine einzige durch Jahrtausende dauernde Epoche zusammenfassen, während welcher man nur Krankheits- symptome, nicht aber das Wesen der Krankheit und ebensowenig die richtige Therapie der Malaria erkannte. Da bricht endlich die zweite Epoche an zur Zeit, als der dreißigjährige Krieg sein Ende erreichte; zur Besiegung eines Feindes, der nach dem Zeugnis der Geschichte durch mehr

*) Die Malaria-Krankheiten, Wien 1S99, S. 3.

als drei Jahrtausende gegen die Menschheit siegreich Krieg geführt hatte, ist die tötliche Waffe gefunden in der Rinde eines auf den Ostabhängen der südamerikanischen Kordilleren wachsenden Baumes. \ Staunend sieht die Menschheit des 17. Jahrhunderts, wie der Zwerg gegen den Riesen, wie David gegen Goliath kämpft. Fürwahr ein wohltätiger Baum, eine wohltätige Rinde! Es, mögen wohl seit Jahrzehnten Tausende und Tausende _von_ Ungebildeten und Gebildeten das weiße Chininpulver gegen die Malaria genommen haben, ohne es mit einem Baume Südamerikas in genetische Beziehung zu setzen, ohne darin anderes zu sehen, als ein Produkt unserer chemischen Industrie. Aber verlangt denn diese Industrie nicht ihren Rohstoff? Freilich sind die Hunderte von Abhandluno^en, welche die hervorragenden Chemiker des 19. Jahrhunderts über die Be- standteile der Rinde veröffentlicht haben, ^ von höchstem Werte, aber sie sind es deshalb, weil sie die schon vorhandene und gebrauchte Waffe, zu einer Waffe, die leichter, sicherer und erfolgreicher zu handhaben ist,^ umgeformt haben. An sich genügt die unverarbeitete Rinde als Heil- mittel und sie war in gepulverter Form durch annähernd zwei Jahrhunderte als solches in Gebrauch, was freilich jetzt nur selten mehr der Fall ist.

Was der Spezialforscher im Gebiete der Medizin, das sagt uns in anderer Form über Malaria und Chinin der Forschungsreisende, welcher in den Tropen für sich und seine Leute auf das Malariamittel Chinin ganz notwendig angewiesen ist. Sowohl die Schilderung der Malariakrankheiten wie dfe Lobeserhebungen des Gegenmittels, welche sich in den Reisebeschreibungen finden, mögen manchem Nordländer überschwänglich erscheinen, und doch sind es Worte, die wiederholte, umfangreiche Erfahrungen zur Grundlage haben. Bei Livingstone, Schweinfurth, Stanley, Nachtigal und anderen Afrikareisenden wird wieder- holt Malaria und Chinin besprochen. Das unschätzbare Heilmittel, der größte Schatz für den in tropischen Gegenden Reisenden, das tropische Universalmittel das sind Wendungen, wie sie bei den genannten Forschern wiederkehren. Und solch hohes Lob spenden sie nicht einem Genußmittel, sondern jener Medizin, welche in der Regel nur mit. Ekel und Widerwillen genommen wird, für welche bereits im Herbst 1652 der malariakranke. Erzherzog Leopold Wilhelm, Statthalter der Niederlande, nur das eine Wort hatte: O wie bitter! O quam amarum! Wir wollen

9 Diese Art von Chinaliteratur ist sehr umfangreich. Nur beispielshalber sei auf folgende bekanntere Reisewerke hingewiesen: »

Livingstone, Neue Missionsreisen in Südafrika, 1866, I. S. 79.

Schweinfurth, Im Herzen von Afrika, 1874, I. S. 137, 352.

Stanley, Durch den dunklen Weltteil, 1878, I. S. ;269-

Stanley, Wie ich Livingstone fand, 1879, I. S. 187.

Nachtigal, Sahara und Sudan, I. 1879, S. 145, 734; II. l88r, S. 462.

den Forschungsreisenden nicht nach Afrika, Madagaskar, Mittel- und Südamerika, Indien u. s. w. folgen, um von Tausenden und von Millionen Todesfällen, .welche jährlich durch Malaria erfolgen, im Einzelnen zu hören. Etwa zwei Millionen Erkrankungen und 14— 15000 Todesfälle sind der Tribut, den Italien im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts alljährlich dem großen Feinde dieser Halbinsel zu bringen hatte; 12000 Todesfälle an Malaria wurden für 1900 angegeben, während man einige Jahrzehnte früher von 50 -60000 berichtete. Und zu welchen Gegenmitteln nimmt die Regierung ihre Zuflucht? Zum Chinin. Dieses soll in guter Qualität mehr und mehr zu einem billigen Volksmittel gemacht und der allgemeine, frühzeitige Gebrauch bei der malariakranken Bevölkerung ein- gebürgert werden. Zu diesem Zwecke ist es vor einigen Jahren in der italienischen Kammer zu einer Malaria- und Chiningesetzgebung gekommen. Damit ist richtig zum Ausdrucke gebracht, daß die Fieberrinde bezw. das Chinin ein großes volkswirtschaftliches Mittel ist zur Sanierung des tiefeinschneidenden sozialen Elends, welches durch die fast regelmäßig wiederkehrende Malaria in den durchseuchten Gegenden geschaffen wurde.') Und was Vorjahren ein Schriftsteller von der Malaria bemerkte:*) >Wenn es ein Gebiet gibt, wo Techniker, Ökonomen, Hygieniker, Heil- kunstler, Erzieher und Gesetzgeber zusammen wirken sollen, so ist es gerade dasjenige am meisten, wo es sich um Ausrottung der Malaria handelte, das sehen wir tatsächlich bei der Entdeckung, Verarbeitung und Anwendung des Chinins verwirklicht. |

Nach diesen Angaben dürfte das für manches Ohr paradox klin- gende Urteil, welches eine neuere geographische Abhandlung*) aus- spricht, unsere Billigung finden. J. Dronke, der Verfasser dieser Ab- handlung, welche vor allem für tropische Agrikultur sowie für die Pflanzen- und Handelsgeographie in Betracht kommt, gibt am Schlüsse dem Gedanken Ausdruck, daß der in den Anden Südamerikas gehobene und nach den tropischen Monsunländern verpflanzte Schatz für die leidende Menschheit »größer und wertvoller ist als alles Gold und Silber, das die Spanier von

dort mehrere Jahrhunderte ihrem Mutterlande zuführten«. . Doch glaube

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9 Es ist hier nicht der Ort, weiter auf die düsteren Schilderungen einzugehen, welche alle Forscher nach eingchenderTBeschäftigung mit dem italienischen Malaria- problem entwerfen. Der berühmte Entdecker auf dem Malariagebiet, Professor Grassi, bezeichnete noch vor einigen Jahren in einem populären Büchlein die Malaria als jenes Cbel, »che tormenta milioni d’italiani, che rendc spopolate tante estensioni di territorio, che ha trasformato un lembo di paradiso in un deserto«.

*) E. Reich, Entartung des Menschen, Erlangen 1868, S. 273. j *) J. Dronke, Die Verpflanzung des Fieberrindenbäumes aus seiner südamerikanischen Heimat nach Asien und anderen Ländern. Inaugural-Dissertation. Wien 1902, 44 S. mit 2 Karten. Auch in 'den Abhandlungen der k. k. geographischen Gesellschaft in Wien, IV, Bd., 1902, Nr. 2.

riiah nicht,' eine solche Erkenntnis von dem hohen Werte der Rinde habe etwa erst die Gegenwart gewonnen; sie ist schon alt. Vor 250 Jahren haben die Verteidiger der Rinde sie als das Heilmittel für die Menschheit hintrestellt und der Genuese Seb. Bado beglückwünschte schon 1663 seinen crroßen Landsmann, daß er Amerika und damit die Perurinde und in ihr mehr als alles Gold und Silber Amerikas entdeckt habe.') 'Fast in jedem Jahrzehnt ist seit den Zeiten Bados bis zur Gegenwart von weit- blickenden Männern derselbe Gedanke in ähnlicher Fassung aus- gesprochen worden. ... 1 j n

Die Dronkesche Schrift, welche schon in ihrem Titel das große,

durch Encrland mnd Holland zustande gebrachte Werk der Gin chona- kultur hervorh^L führt uns damit zu weiterer Einsicht in den Wert der Chinarinde. GrSßer-Qpfer an Geld- unzählige Schwierigkeiten aller Art, wiederholtes Fehlschlagen fast aller Hoffnungen und dennoch zähes Festhalten bis zum endlichen Erfolge, welche Sprache kann beredter die Wichtigkeit des Heilmittels für die Menschheit darlegen? Die Tatsache, daß im Jahre 1900 allein die auf Ja va befindlichen staatlichen und privaten Cinchonaplan tagen über 18 Millionen erwachsener Bäume enthielten und daß im Tahre vorher etwa u'A Millionen Pfund' Rohrinde aus Java auf den Markt kamen, spricht einerseits für die Großartigkeit des Erfolges, welcher dem Unternehmen der Verpflanzung und Kultur; beschieden war, andererseits für den enormen jährlichen Bedarf der Menschheit an Rinde, also für die Bedeutung des Heilmittels. Als der günstige Ausgang der Chinakultivierung gesichert war, mußte selbstverständlich in einigen Jahren auch eine vollständige Änderung in den Handels- und Preisverhaltnissen und damit wiederum in der Produktionsmenge eintreten.

Auf diese neuaeschaffenen Verhältnisse kann hier im Einzelnen nicht einge-anaen werden. Lediglich um eine Vorstellung zu geben von den ungeheuren Mengen an Rinde, welche alljährlich zu Chinasalzen verarbeitet werfen, und von den modernen Rinden- und Chininpreisen, möge die reichs- deutsche Chinin-Industrie der letzten Jahre kurz besprochen werden. Obrfeich die ganze Masse der zu verarbeitenden Rinde nur durch Emfuhr gewonnen wird, steht Deutschland schon seit vielen Jahren in der Chinin- Industrie oben an. So entfielen 757» der im Jahre 1900 auf den Wel - markt gelangten und verarbeiteten Rinde auf die deutschen Fabriken. ) Von den dadurch gewonnenen Chinasalzen und anderen Chinapraparaten wurden über ®/io von Deutschland exportiert. ^ ,

Seb. Badus, Anastasis corticis Peniviae, Genua 1663, S. 15 f.

*) Eine kurze zusammenfassende Darstellung über die Entwicklung der Chimn- fabriken von 1826 bis 1900 siche bei A. Tschirch, Die Chmologen des 19. Ja r un Sep.-Abdr. 1901, S. 14 und 15. ^ ^

Aus den Angaben des > Statistischen Jahrbuches für das deutsche Rsich« Jahrgang 1901, S. 85 f. und 1904, S. 113 läßt sich für den sieben- jährigen Zeitraum 1897 1903 die hier beigegebene Tabelle zusammen- stsllen. Kolumne II und III geben die eingeführte Rinde und die zur Ausfuhr gelangten Chininpräparate je in Tonnen,- die Reihen iV und V bi ingen den jVVert_ der Einfuhr bezw. der Ausfuhr, tausend Mark als V\'ertein_heit_genommen.7 •; ' -

I

UI

IV

V

Jahr.

Einfuhr.

Ausfuhr.

Einfuhr- W.

Ausfuhr- W.

1897

4205

251

2943

9298,

1898

- 3537

201

2476

6630

1809 \

3923

. 211

3531

8014

19CO

3634

185

4724

8316 .

1901

4233 *

195

5079

8207 .

1902

3969

232

5160

8359

1903

3678

197 *

4781

7092

Die Tabelle

zeigt anschaulich, wie

das Rohmaterial

d. h. die Rinde

bei der Verarbeitung zu Chinasalzen zusammenschmilzt, wie andererseits trotz der verringerten Masse der Wert des verarbeiteten Materials steigt. Für die angeführten 7 Jahre ergibt sich als Gesamteinfuhr die Summe on über 27000 Tonnen, während die gewonnenen Chininsalze in an- nihernd 1500 Tonnen ausgeführt wurden. Die in dem besprochenen siebenjährigen Zeiträume eingeführte Rindenmenge repräsentiert nach der Tiabelle einen Gesamtwert von beinahe 29 Millionen Mark, während die usfuhr fast die doppelte Höhe, nämlich 56 Millionen Mark erreichte, araus ergibt sich als Durchschnittswert für i kg Rinde ro6 M., für kg Chininsalze annähernd 38 M. Geht man 2 Jahrzehnte zurück und sucht den Durchschnittspreis für i kg Chininsalze aus der Zeit 1877 1883, S(j erhält man über 350 M., also fast einen zehnfach größeren Betrag. Selbstverständlich erscheinen die in der Tabelle angeführten Tonnenzahlen erst dann von besonderer, ja gewaltiger Größe, wenn wir bedenken, daß es sich bei dem Chinin um ein in verhältnismäßior kleinen Dosen zu verabreichendes Arzneimittel handelt. Der jährliche Verbrauch an Chinin- salzen seitens der gesamten Menschheit dürfte gegenwärtig etwa auf 260 270 Tonnen angesetzt werden.

Durch die bisherigen Ausführungen haben wir vor ‘allem mit der chinologischen Praxis Fühlung genommen. In Anbetracht der Tatsache, daß in der Gegenwart jeder praktische und technische Betrieb auf wissen-

9 Der Übersichtlichkeit halber wurde in der Tabelle die geringe Menge von Rinde, welche Deutschland wieder ausführt, sowie der relativ sehr geringe Verbrauch an China- alkaloiden in Deuschland nicht berücksichtigt. Näheres darüber vergl. im »Statistischen Jahrbuch für das Deutsche Reiche.

schaftlicher Grundlage aufgebaut ist, werden wir auch eine reichhaltige rein litej'arische Behandlung vonseiten der Fachwissenschaften Von vornherein erwarten müssen. Dennoch wird derjenige, dem ein tieferer Einblick !in die Chinaliteratur abgeht, die Zahl der wissenschaftlichen Arbeiten, I welche im 19. Jahrhundert durch die Vertreter der botanischen, pharmakognostischen, medizinischen, chemischen Wissenschaft veröffent- licht wurden, auch- nicht annähernd richtig abschätzen. Wir sagen zu .wenig, wenn wir etwa icoo verschiedene Arbeiten auf 100 Autoren ver- teilen; mit diesem Ansatz wäre schon eine starke Auslese getroffen. Eine nähere Ausführung dieses Punktes gehört nicht zu unserem Thema. Es lassen sich hier nicht einmal die großen, reich mit Tafeln ausgestatteten Foliowerke, »die Chinologien«, deren im 19. Jahrhundert eine ganze Reihe erschien, aufzählen. Wir begnügen uns auf einige leichter zugängliche große Handbücher der Botanik, der technischen Rohstofflehre, der Pharma- ^ kognosie, der Medizin und der Chemie hinzuweisen, um aus der Art und dem Umfang der Behandlung, welche dem Chinabaum, der Chinarinde und dem Chinin zuteil wird, ein Urteil über die Wichtigkeit des Heil- mittels zu ermöglichen.

.In dem Werke >Die natürlichen Pflanzenfamilien«, welches unsere Kenntnisse in der systematischen Botanik am Ende des 19. Jahrhunderts unter Berücksichtigung der Gattungen und wichtigeren Arten in kurzer Zusammenfassung darstellt, ist die Familie der Rubiaceae durch den jüngst verstorbenen K. Schumann bearbeitet worden.^) Die ganze Familie mit ungefähr 4500 Arten und 350 Gattungen wird von dem ge- kannten Botaniker in die zwei nach so wichtigen Kulturpflanzen benannten Utiterfamilien der Cinchonoideae und der Coffeoideae geteilt. Auf die lerstere kommen etwa 2CO Gattungen. Von diesen stehen 35 Gattungen einander näher, sodaß sie als Cinchoneae-Gruppe vereinigt w’erden. Schon aus dieser Gruppierung, welche auch in der neuesten Literatur ^ B. in Englers Syllabus der Pflanzenfamilien (3. Aufl. 1903) fe_^gehalten ist, sehen wir, wie die Gattung Cinchona gleichsam tonangebend herVortritt. Dem- entsprechend hat sie auch (neben Galium, Oldenlandia und Coffea) die ausführlichsteBehandlung erfahren und die außer den zahlreichen Textbildern dieser Abteilun«: des Werkes beio^e^ebene einziore Tafel zeio^t uns das treffliche Bild einer China-Plantage auf Java. Übrigens haben sich die Botaniker bezüglich der Zahl der Arten, welche für die Gattung Cinchona anzunehmen ist, noch nicht geeinigt. Neuere Forscher, welche das gleiche Pflanzenmaterial vor sich hatten, zergliederten die Gattung Cinchona in 4 bis etwa 40 Arten. Diese beträchtliche Abweichung der verschiedenen

^ Natürl. Pflanzenfamilien von Engler und Prantl, IV. Teil, Abteilung 4, Familie der, Rubiaceae, S. 1—156. (1S91}.

I Systematiker von einander läßt vermuten, wie es tatsächlich auch der Fall j ist, daß die Gattung Cinchona auch hinsichtlich ihres großen Formen- ’kreises für den wissenschaftlichen Botaniker von großem Interesse ist.

I Das stattliche Werk »Die Rohstoffe des Pflanzenreiches., kürzlich durch Professor Wiesner mit Unterstützung zahlreicher österreichischer Botaniker in 2. Auflage fertiggestellt, behandelt im I. Bande (1900) die technisch verwendeten Rinden. Professor F. v. Höhnel, welcher diesen Abschnitt bearbeitet hat, widmete von den 2i zur Behandlung kommende^ Rindengruppen keiner auch nur annähernd den gleichen Umfang, wie der Gruppe der , Chinarinden. Das entspricht ganz dem Grad der* Wichtig- keit, welche dieser Rohstoff für die Menschen hat. °

In dem >Handwörterbuch der Pharmakognosie des Pflanzenreichs., ■) welches Professor Wittstein vor 20 Jahren in dem Umfange eines Bandes von -looo Seiten herausgab, erfahren wir sogar in der Vorrede: >Mit Ausnahme des größten und schwierigsten Artikels, welchen Herr Professor . Dr. Aug. Garcke in Berlin zu übernehmen die Güte hatte, sind sämtliche übrigen von mir allein bearbeitet.« Diese Ausnahme bildet der Artikel Chinarinden S. [25 148.

Etwa zehn Jahre später erschien die 3. (letzte) Auflage von Flückigers Pharmakognosie des Pflanzenreiches (Berlin 1891). Der berühmte Straßburger Pharmakognost erörtert / in diesem Werke die »Cortices Chinae. in 18 Paragraphen S. 525—589. ein Umfang, den wir bet einern anderen vegetabilischen Heilmittel in dem genannten Werke nicht antfeffen.*) Wiederholt haben wir späterhin auf dieses Buch des vielseitigen Gelehrten und Forschers hinzuweisen.

Von medizinischen Büchern könnte auf jedes neuere deutsche oder fremdsprachige Werk verwiesen werden, in welchem die Malaria ausführ- lich behandelt ist. Aus der stattlichen Reihe, welche seit Entdeckuncr des Malariaparasiten sehr vermehrt wurde, 'sei wiederum auf das bereit! ^nannte Buch Mannabergs aufmerksam gemacht. Wir erfahren hier in einem kurzen Satze, wie die großen Ärzte vor wie nach dem Jahre 1700, im Norden wie im Süden Europas über den der Medizin o-eschenkten Schatz urteilten. »Welch unermeßlichen Segen die Entdeckuna der Chinarinde und ihrer Eigenschaften der Menschheit gebracht hat, erkennt man erst dann einigermaßen, wenn man Autoren aus jenen Zeiten liest, m welchen die Ärzte der Malaria gegenüber machtlos waren und sie sich’

a V ? Abteilung des großen Werkes „Enzyklopädie

oer Naturwissenschaften“, Breslau, Trewendt.

w I Chinarinden, erscheinen lassen,

«eiche den Abschnitt über diese Rinden nach der zweiten Auflage des oben zitierten NVerkes m erweiterter Fassung wiedergibt. Die Bearbeitung erfolgte »namentlich mit xvucksicht auf einen weiteren Lesekreiscc. (Vorwort).

und die Kranken mit den phantastischsten Versuchen nutzlos abmühten, um der bösen Krankheit Herr zu werden, und wenn man zum Vergleiche damit Mortons oder Tortis^) jubelnde Triumphe liest, die sic mit dem Wundermittel erkämpft haben.« (S. 375). Doch die Bedeutung der Chinarinde für die medizinische Wissenschaft ist eine noch weit größere, als die eines unschätzbaren Heilmittels der Malaria; die Chinarinde,, so dürfen wir nach dem Zeugnis der Geschichte aussagen, war ein ganz hervorragendes Heilmittel für die Gebrechen der wissenschaftlichen Medizin, ein Heilmittel für die Wissenschaft. Wiederholt wurde Ähnliches bereits der Literatur ausgesprochen. Indes ist diese Tatsache selten mit und dem Nachdruck

in

der

Klarheit

hervorgehoben

wie erst

worden,

kürzlich durch I\I. Neuburger.^) »Von größter prakt|scher und bis in die neueste Zeit fortwirkender theoretischer Bedeutung wurde aber die Einführung der Chinarinde . . , . Die Erklärung iht er Wirkungsweise bildete . . . für die Schulsysteme eine Schranke, welche nur scheinbar mit allerlei Kunstgriffen überwunden werden/H^onnte.

Ereignis hat in so hohem Grade^azu be Mängel

Kein anderes getragen, die

des Galenismus, aber auch der Cliemiatrie und latromechanik zu enthüllen, wie die Einführung der China- rinde, und ohne Widerspruch fürchten zu

müssen, darf

behaupte.,t werden, daß ihre anscheinend rätseljhafteWirkung

r skeptischen herrschenden ?rten haben Ärzte

wiederhcplt im Laufe der Geschichte zu ein Beurteilung oder gar Verwerfung des gerade Dogmatismus Anlaß gab.«®) Schon vor Jahrhund diese große Bedeutung der Chinarinde für die Medizin in schlagender Weise durch einen kühnen Vergleich illustriert. Bern. Ramazzini (1633 1714), Professor in Modena und Padua, stellt be'eits 1702 in einer akademischen Rede den durch die China in der Medizin herbeigeführten Umschwung den gewaltigen Veränderungen an .die Seite, welche das Schießpulver für die Kriegsführung mit sich brachte."*)

Puschmann, heraus-

Ö Richard Morton, 1635—1698, berühmter Arzt in London; Franc. Torti, 1658 1741^ Arzt und Professor in Modena.

~) Handbuch der Geschichte der Medizin, begr. gegeben v. M. Neuburger und J. Pagel, II, Jena, 1903, S. 63!

Es möge noch verwiesen werden auf die Artikel »Chinarinde« in Eulenburgs Realenc3'klopädie der gesamten Heilkunde IV®, S. 144 ff und in der gesamten Pharmazie v. E. Geissler und Jos. Moeller, III, S. 3 ff.; die Artikel sind von tüchtigen Fachmännern, nämlich von Binz, bezw. von Tschirch.

*) B. Ramazzini, Orationes medici argumenti, or. quarta habita die sexto mens. Novembris a. 1702. (Haeser zitiert dafür fälschlich C o ns t i t. M i ti n ens.> Gegen den Schluß der Rede findet sich die öfters zitierte Stelle. Sie lautet: »Profecto postquam

huius remedii usus innotuit, talem circa febrium doctrinhm ac illam curandi

methodum factam fuisse mutationem fateri oportet, qualem in re militari post inventum

Soll die Bedeutung der Chinarinde auch noch dadurch klar gestellt

werden, daß wir der hundert und aber hundert Versuche gedenken, welche seit 1650 immer von neuem unternommen wurden, um ein vollwertiges Ersatzmittel für das geheimnisvolle Pulver zu finden? Der eben genannte Ramazzim spricht an der nämlichen Stelle von eifriger diesbezüglicher Tätigkeit. Wie Messing zu Gold, so mögen sich die besten dieser Ersatz- mittel an Wert zur Chinarinde verhalten. Nicht nur kein Ersatzmittel, die Notwendigkeit des unersetzbaren Malariafeindes wurde vertausend-, facht, als der gebildete Europäer nach Erschließung fremder Erdteile für die Kolonisation im 18. und 19. Jahrhundert erkennen mußte, daß die schlimmsten Feinde füi^ Missionierung, gründliche Erforschung Kolonisierung die Malariakrankheiten sind, deren bösartigste Formen man überhaupt erst in den Tropen entdeckte. Die Menschheit wird vielleicht

dereinst den Tag segnen, wo man des »Chinins« nicht mehr bedarf, sei

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es, weil der Mensch den Malariaparasiten zum Aussterben gebracht ^at, oder sei es, weil ein glücklicher Entdecker ein besseres Mittel an 'die Stelle des Chinins gesetzt hat, gegenwärtig sind wir noch weit von diesem Tage entfernt und so gestellt, daß der Chinabaum in den Plantagen der holländischen und englischen Kolonien nicht auf drei Jahre ohne den größten Schaden für zahllose Menschen idie Erzeugung von Rinde einstellen könnte. j

/ Auch der Leser, welcher mit der Chinarinde und ihrer Geschichte

^nicht näher vertraut sein sollte, wird nach den vorausgehenden Bemerkungen, y ahnen, wie dieses südamerikanische Heilmittel seit der Mitte des 17. Jahr- hunderts mit jedem Jahrzehnt eine einflußreichere, namentlich für die europäische Menschheit stets wichtigere Bedeutung gewonnen hat. Wie vieles hat sich während dieser langen Zeit in den Beziehungen des Menschen zu der Rinde geändert! Ehedem war sie für den Menschengeist ein voll- ständiges Geheimnis in der Art ihrer Wirksamkeit, was man immer wieder in die beiden Worte » Wunder«'*und »Zauber« kleidete; jetzt wissen wir, was sie wirkt und wie sie wirkt, die Zauberin ist entlarvt' Wer will es bestreiten, daß die Lösung dieses Rätsels eine schöne Entdeckung des 19. Jahrhunderts war? Ehedem stellte das unverarbeitete Rindenpulver das Heilmittel dar, es mußte also in beträchtlicher Dosis und, was schlimmer^ war, in großer Unsicherheit über die jeweils in der Rinde vorhandene

pulverem p3Tium' omnes norunt Quemadmodum enim jabiectis catapultis et arietibus iiolo tormentario pulvere .... alta propugnacula tempons momento solo aequantur et arces obsessae ad deditionem coguntur, sic valere iu^sis tot pharmaceuticis praesidiis modico quinquinae pulvere exhibito contumaciores febres vinctas dant manus«. Etwas später sagt er: »A botanicis sedulo allaboratur, ad plantam aliquam indigcnam in regno 'egetabili eiusdem virtutis reperiendam, ne tarn longe petantur remcdia«. . •* * .

Menge der wirksamen Bestandteile genommen werden. Niemand wußte, in welchem Teil der Rinde der s:roße Zauberer seinen Platz habe und wie man ihn hervorlocken könne. Heute werden durch die chemische Industrie die malariafeindlichen Alkaloide der Rinde von dem Ballaste der übrigen Rindenstoffe getrennt, an eine Säure gekettet und als Salze in genau abmeßbarer Menge dem Kranken verabreicht. Das war wiederum, eine große Eroberung auf dem Gebiete der Heilkunde wie der organischen Chemie, welche die Nachwelt noch acht Jahrzehnte später mit Recht für, so bedeutend hielt, daß man die uTff diese Entdeckung verdienten Männer Pelletier und Cayentou durch Errichtung eines Denkmals gelegentlich der Pariser Weltausstellung im Jahre 1900 international zu ehren beschloß*)

Vormals konnte die Rinde nur auf den hohen östlichen Abhängen der südamerikanischen Anden, der einzigen Heimat des Baumes, unter wirklich unsäglichen Mühen für Menschen und Lasttiere gewonnen und deshalb- nur zu hohen Preisen echt erworben werden ; gegenwärtig ist der Fieber- ' bäum seit Jahrzehnten der Zahl der Kulturgewächse einverleibt und unter’ Steigerung des Alkaloidgehaltes der Rinde in verschiedenen Staatsgebieten und Kontinenten mit solchem Erfols: ane:ebaut, daß die wilde Rinde Süd- amerikas für den Welthandel kaum mehr in Betracht kommt.*) Wiederum ein gewaltiger Fortschritt und zwar ein auf pffanzengeographischen, geo- logischen und meteorologischen Studien beruhender Fortschritt in der tropischen Agrikultur und damit in den Handels- und Preisverhältnissen !

Vormals kam die Chinarinde von einem in botanischer Hinsicht fast unbekannten Baume, woran selbst durch die Aufstellung der Gattung Cinchona seitens Linne 1742 nicht allzu viel geändert wurde; das 19. Jahr- hundert hinwieder hat uns diese Gattung Cinchona erst mehr und mehr klar gelegt durch scharfe Abgrenzung von den zahreichen verwandten Gattungen, durch eifrige Forschungen über ihre Gliederung in Arten und Unterarten, durch vollständige Ergründung ihres streifenartig schmalen, in langem Bogen durch 30 Breitegrade ausgedehnten natürlichen Wohn- gebietes. Der französische Chinologe und Botaniker Weddell (f 1877), der an den eben skizzierten an Ort und Stelle ausgeführten botanischen Forschungen wohl den größten Anteil hat, glaubt in seiner großen Chipa-

b Schelenz, Gesch. der Pharmazie (Berlin 1904') S. 622, macht Frdr. Ferd. Runge, geb. 1795 (oder 1794?), zum »wahren Entdecker des Chinins oder jedenfalls einer Chinabasec, weil er bereits 1S09 über eine in der Königschina gefundene Basis berichtet hab^ Aber die Jahreszahl 1809 ist sicher unrichtig. Ist 1819 gemeint?

9 So ging die Gesamtausfuhr der amerikanischen Häfen an Rinde von 1881 1885 von rund 5 Milk kg auf 260,000 kg zurück, während z. B. Ceylon 1872 etwa 100,000 kg, 1882 etwa I Mill. kg und 1686 bereits ca. 6 Millionen kg Kulturrinde auf den Londoner Markt brachte. ^ ^ v

IS

monographie die Behauptung aufstellen zu dürfen'), daß kaum ein Gegen- stand der Naturgeschichte die Aufmerksamkeit der tüchtigsten Gelehrten so sehr in Anspruch genommen habe wie der Chinabaum und seine Rinde. Vor allem die Rinde selber war dereinst in ihren zahllosen Formen und Farben, in ihren großen und kleinen,, dünnen und dicken Stücken, in all ihren für die .Sinne erfaßbaren.Eigenschaften, in ihrenWachstums- und Altersverhältnissen u. s. w. das weite Gebiet einer »eigenen Wissenschaft«, in der man aber trotz größten Fleißes mit' der traditionellen Methode nicht wesentlich weiter kam; erst die mikroskopische Anatomie brachte hier, vorab seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, mit neuen Wegen auch neue Erfolge und besonders einen klaren Einblick , in den ganzen Aufbau der Rinde und aller ihrer Teile. Mag auch bei der heutigen Gewinnung der Kulturrinde diese Erkenntnis . für die Praxis s jweniger bedeutungsvoll geblieben sein und deshalb die »Chinologie« als selbständiges Forschungsgebiet weg- fallen oder döch nur sehr modi&iert weiter bestehen*), ihr Wert für die botanische Erforschung der Cinononeae und für die Herausbildung einer, wissenschaftlicheren Arbeitsmethdjde in der Pharmakognosie wird dadurch nicht gemindert

/

Erscheint es nach diesen die Geschichte der Chinologie bearbeiten? Da würden uns 100 die aus dem Gebiete der Botani Geographie sich zur Erforschun

kurzen Andeutungen nicht verlockend, 19. Jahrhundert zusammenhängend zu und mehr Namen berühmter Chinologen, Pharmakognosie, Medizin, Chemie und der China zusammenfanden, begegnen. Wir hätten anzustaunen ein dnausgesetztes Mühen und Forschen des menschlichen Geistes, ein Eingr^ ifen fast aller Kulturstaaten, eine überaus erfolgreiche Tätigkeit an einem für den gewöhnlichen Menschen so un- scheinbaren und nichtigen Gegenstände, an Stücken einer Baum- rinde. Auf dem IX. internaticnalen pharmazeutischen Kongreß, der im Ausstellungsjahre 1900 in Paris gehalten wurde, hielt A. Tschirch, Professor der Pharmakognosie an der Uiiversität in Bern, einen chinologischen

W e d d e 1 1 , Histoire naturell beginnt mit den Worten: »Peudesuje l’intdret gdn^ral ä un plus haugjie| jusqu’ici Tattention de'^ plus d’hommes b Die Chinologen bildeten iSjyi eigene Sektion, zu der Vertreter aus De und der Schweiz gehörten, österrei' unter den Erforschern der Chinarincj herv’orragende SteDe einnimmt, Vgk ein Lebensbild. Wien 1904, fern^ hunderts, Sonder- Abdr. aus Ph

des Quinquinas. Paris 1849, Fol. Die Einleitung ;s en Histoire naturelle ont eu Ic privilege d’excdter 6 que le quinquina ; aucun, peut-etre, n*a mdrit6 6minents.< y ' -

auf dem Amsterdamer botan. Kongreß noch eine tschland, England, Frankreich, Holland, Österreich war vertreten durch Professor A. E. Vogl, der in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts eine ganz ie Schrift von Professor J. Nevinny, A. E. Vogl, A. Tschirch, Die Chinologen des 19. Jahr- Post 1901, 22 ß, . ..

Vortrag.*) Er führte in demselben die Galerie der »Cbinologen des XIX.- Jahrhunderts« vor Augen. Seine Ausführungen geben einerseits einen, kurzen Abriß der neuzeitlichen Geschichte der Chinarinde, anderseits deuten sie aber auch zur Genüore die gewaltiore Arbeit an, welche zu leisten wäre für die Abfassung einer allseitig erschöpfenden Geschichte der Chinologie des 19. Jahrhunderts. Ob übrigens die geeignete Zeit für eine solche Arbeit schon gekommen ist? Wohl nicht. Diese Forschungen dürften vielfach noch zu sehr dem Lichte der Gegenwart ausgesetzt sein, um ^ine objektive, abschließende Beurteilung finden zu können. Es fehlt indes nicht an einer ausgedehnten Literatur, welche mit dem Verlauf und den Ergebnissen der neuen chinologischen Forschung bekannt zu machen geeignet ist, und alle diese Bausteine für eine einheitliche, große Geschichte der Chinologie des 19. Jahrhunderts lassen erkennen, daß dieses Werk in der Gesamtgeschichte der Naturwissenschaften ein glänzend geschriebenes und gern gelesenes Blatt bilden wird. - * - - . . . .

Ist das 19. Jahrhundert die chinologische Neuzeit, so kann das 18. Jahrhundert mit Recht als das chinologische Mittelalter und das 17. als das chinologische Altertum bezeichnet werden. Bezüglich des chinologischen Altertums steht es ganz anders mit der geschichtlichen Kenntnis und Forschung. Die Probleme der Gegenwart berühren sich kaum mehr mit denen der fernen Zeit von 1650 bis 1700, sie verlangen also auch über diese ferne Vergangenheit der Chinarinde keinerlei Wissen. Der großep Flut von Chinaliteratur in der Neuzeit, dem 19. Jahrhundert, entspricht eine nur bescheidene Zahl von altmodisch abgefaßten, dazu recht selten gewordenen Schriften aus dem Altertum, dem 17. Jahrhundert. Es darf ausgesprochen werden, daß selbst in den Fachkreisen der Chinologen und in den Schriften, welche neuerdings die Chinologie in den ver- schiedensten Richtungen ganz hervorragend gefördert haben, sich nur geringe Kenntnisse über diese älteste Periode der Chinarinde finden, Kenntnisse, die zudem eine genauere Prüfung an den. ältesten Quellen- werken sowie die Sonde einer schärferen Kritik zum Teil nur wenig ver- tragen. Übrigens geben die Spezialforscher in diesem Gebiete, welche für ihr Forschungsobjekt auch historischen Sinn haben, diese Tatsache meist ohne weiteres zu.*)

Wenn nun die Chinaforschung im 19. Jahrhundert so reiche Emte_ geliefert hat, soll dann dieses dunkle Gebiet nicht auch ins Licht gesetzt werden? Und wenn diese Rinde die gioße Wohltäterin für die Menschheit

9 Siehe vorige Anmerkung. Über die Entwicklung der Chinologie im 19* Jahr- hundert findet der Leser hier auch eine reiche Angabe von Literatur.

9 Die Anführung einiger Data aus dem 17. Jalirhundert ist noch keine Geschichte der Rinde. Und wenn diese wenigen, aber in hundert und hundert Schriften wieder- holten Data noch z. T. unsicher, z. T. durchaus unrichtig sind, so ist das umso schlimmer.

n

creworden ist, sollen wir da nicht nach Aufklärung suchen, wie der amerikanische Ureinwohner und der europäische Einwanderer, wie Italien und Spanien und ganz Europa zur Wertschätzung dieser bitteren, giftigen, unscheinbaren Baumrinde gelangt sind? Oder sollte es nicht möglich sein, zu den Quellen dieses Stromes, der leben- und segenspendend von Jahr zu Jahr durch die Kontinente flutet und millionenfach zerteilt die Wege des Blutkreislaufes in den einzelnen Menschen durcheilt, vorzu- dringen? Als vor wenigen Jahren die Übertragung und der ganze Lebens- lauf der Malariaparasiten klar gelegt worden war, hat man sich die Mühe genommen, die Schriften der vergangenen Jahrhunderte zu durchstöbern und alle irgendwo aufgetauchten Vermutungen und Andeutungen über die Beziehung von stechenden Insekten zur Malaria zusammenzustellen. Um so weniger dürfte es überflüssig sein, nicht etwa bloße Vermutungen, sondern die sicheren, historisch nachgewiesenen oder nachweisbaren Be- ziehungen der Chinarinde zur Malaria, mit welchen die zweite Epoche in der Geschichte der Malaria nach Mannaberg beginnt, klar und objektiv darzulegen. Wenn am Schlüsse des 19. Jahrhunderts nach der Angabe bej’vorragender Pharmakognosten die Chinologie aufgehört hat, eine > eigene Wissenschaft« zu sein, wenn de/ wesentlich dem 19. Jahrhundert zu dankende Bau jetzt vollendet dasteht, so ist damit ein wissenschaftliches Werk aüfgeführt, dessen Fundamente im i 7. Jahrhundert gelegt wurden.; Vergessen wir über dem fertigen Bau die Prüfung seiner Fundamente nicht' Sollte es auch nicht gelingen, den Prometheus ausfindig zu machen, de* die Rindenstäublein zuerst auf ragender Bergeshöhe gesammelt und als Bezwinger der gewaltigen inneren Feuersgluten dem kranken Menschen überreicht hat, so läßt sich dennoch viel Dunkles aufklären, \iel Falsches bejehtigen, viel Vergessenes und Verschollenes wieder hervorziehen. Ul d wenn die Schwierigkeiten, unter denen im ig. Jahrhundert die CUnologie zu ihren Erfolgen gelangte, groß und selbst sehr, groß waren, die älteste Geschichte der^ Rinde wird uns sagen, daß die Schwie- rigkeiten, welche bei Einführung und Verbreitung der Rinde zu überwinden

waren, noch bedeutender

be

gewesen wir

sind.

Daß wir heute das Heilmittel nützen können, verdanken wir denen, die vor 250 Jahren die Sache der Rinde und der Menschheit verfochten haben gegen übermächtige Feinde, und somit sind auch wir interessiert an den damaligen Kämpfen ur d Siegen. - . . 1

Der Leser erkennt, daß wir eintreten für eine kritische, allseitige Geschichte der Chinarinde während der ältesten Zeit ihres Gebrauches, inächst während des 17. Jahrhunderts. Tatsächlich war es die Absicht des Verfassers, dieser Programmabhandlung den Titel zu geben; >Da$

erste Jahrhundert der Geschichte der Chinarinde (1640 1740). < Doch sehr bald zeigte es sich, daß die Vorarbeiten für ein solches Thema nicht genügend vorhanden sind, daß es noch viel Zeit und Arbeit brauchen wird, bis diese Frucht zur Reife gelangt. Bei tieferem Eindringen in den Stoff kam die Erkenntnis, daß sich aus den geschichtlichen Mitteilungen über die Chinarinde, welche seit hundert und mehr Jahren in den chino- logischen Schriften gegeben werden, wegen der schiefen und falschen Behauptungen, der kleinen und großen Irrtümer ihre wahrheitsgetreue Geschichte nicht gewinnen läßt. Da bleibt nur übrig, auf die älteste gleichzeitige Literatur zurückzugehen und diese gründlich zu durchforschen.

Aber stand die älteste Chinaliteratur nicht auch der bisherigen Forschung offen? Sicher, da es sich ja um gedruckte Werke und kaum um Handschriften oder erst in jüngster Zeit zugänglich gewordene Schriften handelt. Somit erscheint es zunächst schwer verständlich, warum ein erneutes Zurückgehen auf die alten, etwa vor 250 Jahren erschienenen Schriften erforderlich sein sollte. Doch die Klarlegung gerade dieses Punktes soll der eigentliche Gegenstand meiner ersten Abhandlung zur ältesten Geschichte der Chinarinde sein. Es ist zu zeigen, daß wir vor allem deshalb eine gründliche Geschichte der Chinarinde im 17. Jahrhundert nicht besitzen, weil die älteste China- literatur nicht s}^stematisch durchforscht wurde. Positive Ergebnisse zu bringen und zu begründen, ist in der vorliegenden Arbeit erst an zweiter Stelle beabsichtigt. Freilich ergibt sich einiges unmittelbar, anderes sowde die eingehende Begründung mehrerer hier nur angedeuteter Punkte wird in späteren Abhandlungen, die z. T. schon ausgearbeitet vorliegen, geboten werden.

Die Cinchonen erregten vor etwa 10 Jahren bei längeren Umbelliferen- studien zuerst meine nähere Aufmerksamkeit.* *) Die äußere Ähnlichkeit einer Cinchonen- und Umbelliferenfrucht muß ja auffallen, und so unter- zog ich damals auch einige Cinchonafrüchte näherer Betrachtung. Es folgten bald die ersten Entdeckungen über die Lebensweise und den Lebenslauf der Malariaparasiten, die ich, kurz vorher mit Zellen- und Protozoenstudien im Prager zoologischen Institut beschäftigt, mit beson- derem Interesse verfolgte und nach ihrem Abschlüsse in einer Broschüre weiteren Kreisen zugänglich zu machen suchte.*) Der Leser dürfte endlich wohl nicht fehlgehen in der Annahme, daß die ehemals so ver- breiteten Bezeichnungen unseres Heilmittels wie Jesuitenrinde, Pulvis

b Vgl. J. Rompel, Kr^'stalle von Calciumoxalat in der Fruchtwand der Um- bellifercn und ihre Verwertung für die Systematik, Sitzungsber. d. kais. Akad. der Wissenschaften in Wien. Math.-naturw. Kl., Bd. CIV (1895), 58 S. zj Tal

*) J. Rortipel, MaJariaj Parasit und Stechmücke, lögischer Forschung! Hamm i. W., 1902, 36 S.

ein Abschnitt moderner bio-

Patrum, Pulvis Cardinalis, Pulvis Lugonis u. s. w. in etwa ebenfalls auf den Verfasser eingewirkt haben. Gern habe ich manchen Blick in die naturgeschichtlichen Werke der Jesuiten des 17. und 18. Jahrhunderts geworfen; daß dabei die Chinarinde, welche entsprechend den erwähnten Bezeichnungen nach übereinstimmendem Bericht der alten wie neuen Chinaschriftsteller mit dem Orden sozusagen eng verknüpft war, nicht unbeachtet blieb, ist wohl selbstverständlich. '

II. Das bisherige Sludium der ölieslen Cbinaliieratur.,

In ^en chinologischen Schriften des 19. Jahrhunderts findet sich die älteste Geschicht^der Cfiinarinde vielfach mit imponierender Sicherheit vorgetragen. Alles steint in bester Ordnung, so daß man einem Bedenken unter der Lektüre kaum Raum geben kann. Bei näherer Prüfung ist man verwundert, zunächst eine, dann mehrere, dann viele Angaben zweifel- haft, ungenau, unrichtig zu finden. Freilich sind nicht alle Schriften von dieser Art; in^manchen wird betont, daß hier vieles dunkel sei. ^ -

Erst nach längerer Beschäftigung mit der alten Chinaliteratur legte ich mir die Frage vor: Weshalb ist die Darstellung der ältesten Geschichte’ der Chinarinde, wie sie in gelehrten und in populären Schriften seit Jahrzehnten fast stereotyp vorgetragen wird, eine ungenügende? Man hört und liest nicht selten, daß uns über diese Periode leider nur dürftige Mitteilungen zugekommen sind. Ist diese Klage berechtigt? Vermag die Tatsache einer nur dürftigen Literatur den gerügten Mangel zu erklären? Eine teilweise Berechtigung läßt sich der vorgebrachten Klage gewiß nicht abstreiten. Aber sollte man alsdann nicht um so eher erwarten, daß diese wenigen Mitteilungen um so gründlicher und kritischer ausge- beutet, daß die verstreuten Einzelheiten sorgfältig gesammelt würden, um eben das Erreichbare auch wirklich zu erreichen? Faktisch geschah eher das Gegenteil; je weniger man batte, um so sorgloser ging man vielfach damit um. Es war allerdings leichter, statt genauer Forschungen freie Erfindungen zu liefern und in phantasievoller Darstellung allenthalben zu verbreiten. Die > Chinasagen«, welche die Neuzeit im. Lichte moderner kritischer Geschichtsforschung geschaffen und als älteste Geschichte der Chinarinde unter den europäischen Kulturvölkern verbreitet hat, erinnern schon stark an die alte Chinasage vom fieberkranken amerikanischen Löwen, der sich mit der Rinde kurierte. Der die Fieberrinde fressende Löwe hat nie existiert. Aber war etwa eine Gräfin Anna de Osorio von 1629 bis 1639 Vizekönigin von Peru in Lima? Ist etwa eine

Gräfin Chinchon mit der Rinde nach Spanien zurückgekehrt, um* dort und weit über Spaniens Grenzen hinaus durch ganz Europa die Fieber- nnde zu verteilen? In ergreifenden Schilderungen wird dies und manches

andere vor^etragen, aber es sind nur sagenhafte Erzählungen, deren Unrich- tis:heit sich erweisen läßt. Doch wir schweifen ab.

. Zwar hat man im 19. Jahrhundert einiges über den Gebrauch der Rinde im 17. Jahrhundert aus gleichzeitigen Handschriften veröffentlicht. Es ist aber wenior oreblieben und dieses Wenio:e reicht vielfach nicht bis in die früheste Zeit zurück. Auch sind nicht einmal die sämtlichen ein- schlägigen neueren Publikationen dieser Art von den Chinologen für die Geschichte der Chinarinde verwertet worden. Was in die historischen Abschnitte der pharmakognostischen Werke aufgenommen wurde, sind vorwiegend Angaben darüber, wann und zu welchen Pr eis Verhältnissen die Chinarinde in den Apotheken mehrerer Städte Eingang gefunden hat Aber selbst für diesen Gegenstand hätte die älteste gedruckte China- literatur des 17. Jahrhunderts auch ihre Beiträge geliefert.

Doch hier sind wir an dem wunden Punkte der Chinologie des 19. Jahrhunderts angelangt. Sie hatte, so scheint es. fast, eine gewisse Scheu vor den ältesten gedruckten Chinaschriften. Es kann ja nicht zweifelhaft sein, daß für die Geschichte der Einführung und Ver- breitung der Chinarinde durch Auffindung und Veröffentlichung von handschriftlichem I^faterial noch weitere Aufklärung zu erlangen ist, aber inzwischen sollte der Chinologe bei der Bearbeitung des historischen Abschnittes eines Chinawerkes nicht vergessen, daß eine für die Geschichte der Rinde recht beachtenswerte Literatur bereits vor .dem Jahre 1670 gedruckt erschienen ist. Und doch hat man gerade diese Literatur viel- fach gar nicht, vielfach nur wenig und oberflächlich berücksichtigt; von einer erschöpfenden Durcharbeitung derselben kann keine Rede sein. Zweifellos ist diese Arbeit zunächst zu leisten.

Freilich, dem Anscheine nach ist die älteste Literatur in neuerer Zeit stärker herangezogen worden. Aber dieser Schein trügt. Die Kenntnis der alten Literatur beschränkt sich auch hier oft nur auf das Titelblatt einer Chinaschrift, ja sehr häufig ist der zitierte Titel einer solchen Schrift nicht aus dem Original, sondern aus zweiter, dritter u. s. w. Hand übernommen worden. Nur bei einer solchen Arbeitsmethode erklären sich die in der Chinaliteratur so verbreiteten, durch Generationen vererbten Fehler, welche beim Zitieren der alten Schriften bezüglich des Titels, des Druckortes, des Erscheinungsjahres und selbst des Verfassers bis zum Übermaße und Überdruß begangen worden sind. »

Gab es besondere Umstände, durch welche diese literarischen Mängel hervorgerufen wurden und teilweise entschuldigt werden können? Wie. uns scheint, sind deren mehrere vorhanden. Hier, wie in anderen natur- geschichtlichen Fragen, ist zunächst zu beachten, daß in früherer Zeit, also im 18. und auch noch im größeren Teil des 19. Jahrhunderts, der historischen Seite der Naturwissenschaften meist recht wenig Verständnis

21

entgegengebracht wurde. Man sieht es oft den Arbeiten dieser Zeit an, daß der Verfasser sich damit begnügte, seinen Traktat über die China schließlich auch mit einigen, flüchtig zusammengelesenen historischen Notizen zu »schmückenc. Auf besonders lobenswerte Ausnahmen wird weiterhin aufmerksam gemacht. Für das 19. Jahrhundert muß geltend gemacht werden, daß man allseits die ganze Arbeitskraft einsetzte, um die zahlreichen Probleme, welche den Chinologen neuerdings Vorlagen, mit Erfolg zu lösen ; man lebte mit Recht vorab der Gegenwart und den Aufgaben, welche sie stellte. Es kommt weiterhin noch ein Doppeltes in Betracht. Bekanntlich ist die älteste Chinaliteratur selten und z. T. sogar sehr selten; demnach ist sie auch schwer zugänglich, so daß es fast eine Sache der Unmöglichkeit "ist, die Chinaliteratur vor dem Jahre 1670 voll- ständig einzusehen und zu durchforschen. H. Iv. Bergen klagte vor 80 Jahren darüber und ich kann mir nach eigenen Erfahrungen lebhaft vorstellen, wie ein Mann .von dem historischen Sinn A. F. Flückigers durch diese Unzugänglichkeit der Literatur beliindert wurde dürfte zu beachten sein, daß diese Literatur Sprache abgefaßt ist, iq der man zudem noch fremden philosophischen, chemischen, medizinische

Sodann * ganz in lateinischer" einer uns heute vielfach n Terminologie begegnet

Auch wird nur derjenige die älteste Geschichte der Chinarinde richtig

erfassen und zur Darstellung bringen, der neben

die Geschichte der Zeit einige Kenntnisse nat von den damaligen

kirchlichen Verhältnissen, von dem Amte eines

einem guten Einblick in

Kirchenfürsten, von^ der

Organisation des Jesuitenordens u. s. w., Kenntnisse, welche einem Vertreter

Es ist somit begreiflich, genaueren Studium dieser

der Naturwissenschaften immerhin ferner liegen, daß einerseits manche Schriftsteller von einem Literatur abgeschreckt wurden, zumal brauchbare Mitteilungen sich viel- fach nur vereinzelt vorfinden, und daß anderseits, soweit eine Benützung der ältesten Literatur erfolgte, leicht mancher konnte.

Gern führen wir alle diese Punkte zur Entschuldigung an. Eines kann allerdings nicht entschuldigt werden, dis Tatsache nämlich, daß

selbst in wissenschaftlichen Werken nicht klipp

Fehler sich einschleichen

und klar ausgesprochen

worden ist, in welchem Umfange die älteste Lit(iratur vom Verfasser selber eingesehen, durchforscht und in der vorgelegtea Schrift verw^ertet wurde, oder mit anderen Worten die ‘Tatsache, daß Titel aus der ältesten China- literatur in Fußnoten und Literaturverzeichnissen angeführt sind, während die Sätze des Textes zur Evidenk zeigen, daß von einer Benützung des ' zitierten Werkes nicht die Rede sein kann. Leider findet sich dieses Ver- fahren in der wissenschaftlichen Chinologie nicht allzu selten. Damit unsere Bemerkungen nicht wie unbewiesene Behauptungen klingen, sei zunächst eine kritische Übersicht der einschlägigen historischen Literatur gegeben.

Aus dem i8. Jahrhundert mögen nur wenige Schriften kurz erwähnt werden und zwar solche aus den letzten Jahrzehnten desselben. Daß Hallers zweibändige Bibliotheca botanica (Tiguri 1771 und 1772) bedeutungsvoll ist für diese Zeit, dafür bürgt uns der Name des Ver- fassers. Indes ist sie bezüglich der ältesten Chinaliteratur nicht frei von Fehlern, ganz abgesehen von der Unvollständigkeit der Angaben. Auch Bai ding er beschäftigte sich mehrmals mit der ältesten Chinaliteratur; von seinen diesbezüglichen Veröffentlichungen sei hier nur hingewiesen auf Literatura universa materiae medicae, Marburgi 1793- Die gründ- lichste Studie des Jahrhunderts brachte aber ohne Zweifel das JaTir 1785 unter dem Titel: »Observations on the late intermittent

fevers;~to which is added a sliort history of the Peruvian Bark: by Sir George Baker«^). Auf etwas über 40 Oktavseiten, S. 173—216, ist der histo ris ch e Teil der Arbeit, der nur das 17. Jahrhundert berücksichtigt, ' 'Wiedergegeben. Selbstverständlich ist vor allem die Einführung und ' 'Verbreitung der China in England geschildert. Doch sind auch mehrere Schriften aus der Zeit 1653 1663, welche auf dem Kontinent erschienen waren, benützt; einige Fehler finden sich allerdings schon im Abdruck der Titel und ein Teil der alten Literatur vnrd gar nicht erwähnt Auf Baker geht die spätere Literatur vielfach zurück; seine Darstellung der ältesten Geschichte wird zum Quellenwerk, bis man einige Jahrzehnte später neue ausführliche Bearbeitungen erhielt.

Damit sind wir im 19. Jahrhundert. Von großer Bedeutung ist das fleißige Werk des Hamburger Drogerie-Maklers Heinrich von Bergen, welches in mancher Beziehung die beste historische Studie liefert*). Es wurde wie für andere Teile der Chinologie, so auch . für den historischen grundlegend. Aus ihm haben selbständige Werke wie Artikel in Enzy- klopädien und verschiedenartigen Lexika lange geschöpft. Flückiger sagt noch 1891 : »Namentlich muß auch in betreflf der Geschichte des Heilmittels auf die Bergensche Monographie .verwiesen w^erden.c*) Und

In der Zeitschrift: Medical Transactions, published by the College of Ph3^sicians in London. Vol. III, London 1785. Hier ist es Aufsatz XII (im Original steht durch einen Druckfehler XIII), S. 141 216; auf S.*I4I ste)it unter dem Titel jiqch_jiie Amgabe- xRead at the College, Jan. 10. 1785.« Der Index des zit. Vol. III macht uns p. VIII mit dem Verf, in folgender Weise näher bekannt: »Sir George Baker, Baronet, Ph^’sician in ordinary to the Queen; Fellow of the College of Physicians, of the Ro}'al Society, and the Society of Antiquaries, in London; and of the Ro^^al Society of Mediane in Paris.«

^ Versuch einer Monographie der China. Hamburg 1826, XII u. 348 ß. Gr. 4®,

S Kupfertafeln in FoL und IO Tabellen.

*) Pharmakognosie, 3. Aufl. S. 583. Berlin 1891. , . .

Garcke behauptet gar, daß v. Bergen > alles zusammentrug, was bisher über die Cinchonen und ihre Rinden publiziert wart').

In der Tat zeugt die ganze Anlage und Durcharbeitung des . Bergenschen Werkes von jahrelanger . Mühe und Arbeit. Im Vorwort bemerkt der Verfasser, daß ' er sich >eine Reihe von Jahren mit dem Gegenstand beschäftigte hat.* *) Auch dem geschichtlichen Teil des Werkes' ' ist der Fleiß des Verfassers sehr zugute gekommen, wenn er auch nicht den besten Abschnitt des Ganzen bildet. Wir erfahren schon auf S. VH des Vorworts, c^ß der Zweck der von ihm verfaßten Arbeit >die genauere Prüfung der Geschichte der China bis auf die ältesten Zeiten ganz uner- läßliche machte. >Dort fand sich mehr, als ich erwartet hatte. Manghes schien eines erneuerten Andenkens nicht unwert, anderes bis jetzt fast überall zu wenig beachtet, und so zeigte es sich dann sehr bald, daß ich . - ' an einen beinahe unerschöpflichen Stoff geraten sei.c . _ ,

Er wollte in dem geschichtlichen Teil seines Werkes ein Doppeltes , -■ leisten, einmal die Darstellung der Geschichte der China geben, sodann- aber auch alles Wesentliche aus älteren und neueren Schriften hinlänglich * . gesammelt , vorlegen, um damit jene Schriften selbst größtenteils ent- . behrlich zu machen. (Vgl. S. VIII der Vorrede). Wurde dieses doppelte Ziel bezüglich der ältesten Periode erreicht? Nach den Anforderungen, welche heute an die Geschichte der Naturwissenschaften gestellt werden, müssen wir diese Frage verneinen. Als Mängel empfindet man die Unzu- * länglichkeit der Materialiensammlung, die ungenügende Ausnützung der . zitierten Werke ziir Gewinnung der geschichtlichen Darstellung sowie die - Unklarheit in den Angaben der für die Arbeit benützten Literatur.*

Gegenüber den Lobeserhebungen anderer, die ja vielfach selber wenig ^ Einblick in die älteste Chinaliteratur genommen und aus v. B e r g e n geschöpft haben, sei hier daraufhingewiesen, wie w^enig schließlich der Verfasser selbst mit dem geschichtlichen JTeil seines Werkes zufrieden war.

Wittstein, Handwörterbuch d. Pharmakognosie des Pflanzenreichs. S. 127. ,

A. Tschirch bezeichnete noch jüngst in seinem oben erwähnten Vortrag das Buch von Borgens als »ein auch für die Geschichte der Chinologic \\ichtiges Werk.c

*) Bei Schelenz (Geschichte der Pharmazie, 1904, S. 664) wiid der Verfasser X- als W. von Bergen aufgeführt Der Vorname ist aber Heinrich, wie sich aus dem Titel der Monographie sowie aus dem »Rexikon der hamburg. Schriftsteller« (BdL I, p, 226) ergibt. Leider hat H. von Bergen in der Allgem. Deutschen Biographie keine ^ Aufnahme gefunden. Da das Vorwort der Chinamonographie vom März 1826 datiert - und V. Bergen am 8. April 1792 geboren ist, so hatte er das schöne Werk bereits im Alter von 34 Jahren fertig gestellt Freilich kam ihm dabei sehr zu statten, daß seine Heimatstadt Hamburg damals unter den Chinahandelsplätzen des Weltmarktes die zweite Stelle einnahm. H. v. B. starb bereits am 29. Sept 1836. Er war associiertes ^iitglied der hamburg. Gesellschaft zur Beförderung der Künste und nützlichen Gewerbe '

Und Ehrenmitglied des Apotheker-Vereins im nördlichen Deutschland, , - * . . ~ ,

Da diese Worte für den Gegenstand unserer historischen Studien in mehr- facher Beziehung bedeutungsvoll sind, mögen sie hier ganz folgen: »Es würde im höchsten Grade interessant sein, wenn man sich eine vollständige Übersicht verschaffen könnte, auf welche Art die Fieberrinde zuerst in Europa bekannt wurde, welche Vorurteile ihr entgegen wirkten, was für heterogene Schicksale sie in der medizinischen Welt erlebte und wie viele Schwierigkeiten sie zu besiegen hatte, ehe sie festen Fuß fassen konnte. Zu einer so vollendeten Übersicht zu gelangen, haben wir wohl keine Hoffnung .... Unsere ganze Kenntnis von der Art der Entdeckung sowohl als von der Zeit der ersten Verbreitung der Fieberrinde gründet sich größtenteils auf Berichte und Vermutungen späterer Schriftsteller. Ich habe mich indessen bemüht, mir soviele Erläuterungen als möglich zu verschaffen, und jede, selbst die unbedeutendste Schrift, welche etwas für meinen Zweck hoffen ließ, sorgfältig durchgesehen. Meine Mühe ist auch nicht ganz ohne Erfolg geblieben; denn obgleich sich in dem, was ich meinen Lesern jetzt mitteilen werde, noch manche Lücke findet, so darf ich doch hoffen, einige nicht unwichtige Punkte berichtigt und meine Vorgänger durch größere Genauigkeit in manchen Angaben übertroffen zu haben <. (S. 83). Zutreffend ist, was v. Bergen in diesen Sätzen über seine Resultate ausführt, weniger genau, was er bezüglich der älteren Literatur ängibt. Es ist doch nicht ganz richtig, wenn er für die Ent- deckung und erste Verbreitung der Rinde > größtenteils« Berichte und Vermutungen späterer Schriftsteller annimmt. Diese Bemerkung zeigt aber deutlich, daß er die älteste, in seltenen Schriften niedergelegte, schwer zugängliche Literatur nicht vollständig eingesehen hat. Es läßt sich nicht annehmen, daß v. Bergen sich um diese Schriften nicht bemüht habe; trotz aller Bemühung wird es ihm nicht immer gelungen sein, sie ausfindig zu machen und zu erhalten. |

Sehr gut erkannte v. Bergen bei seihen Forschungen, daß viele seiner Vorgänger mit dem Studium der Originalliteratur sich wenig beschäftigt hatten und daß durch fortgesetzte Abschreiberei ohne Zurück- gehen auf die ältesten Quellen sowohl die Literaturangaben wie die geschichtlichen Mitteilungen von Unrichtigkeiten allenthalben durchsetzt waren. Mit Recht hat er für solche Oberflächlichkeit scharfe Rügen. So berichtet er z. B., wie der Genuese Sebastiane Bado, der berühmte Anwalt der Chinarinde, auf die schriftliche Angabe des spanischen Arztes Villerobel hin das Jahr 1632 für die erstmalige Überbringung der China nach Europa angibt, und fährt dann fort: »Auffallend ist. es, daß von den meisten Schriftstellern, welche den erwähnten Seb. Badus zitiert haben, die eben erzählten Data ganz übergangen sind, und daß sie ohne Weiteres den Zeitpunkt der ersten Einführung der China auf 1640 festsetzten. Es scheint daraus hervorzugehen^ . was ich leider

nur zu oft zu bemerken Gelegenheit hätte, daß auch bei diesem Gegen- stände der spätere Autor die Angaben und Zitate des früheren nachge- schrieben hat, ohne sich um die Quelle derselben . oder ihre Richtigkeit zu kümmern.« (S. 85). Leider habe ich später zu zeigen, daß man auch im Lichte des 19. Jahrhunderts dasselbe Verfahren fortsetzte, und bedauerlich ist, daß V. Bergen selbst sich davon nicht frei gehalten hat und so zu schlimmen Irrtümmern gekommen ist. '

Der erste Abschnitt der Bergenschen Monographie gibt auf 72 Seiten ein Literaturverzeichnis über die Chinarinde; diese Zusammenstellung war sehr dankenswert und wurde späteren ähnlichen Verzeichnissen zugrunde gelegt. Ein bedeutender Mangel desselben ist indessen, daß nicht ersichtlich gemacht wurde, welche Von den hier aufgeführten Werken dem Verfasser Vorlagen und welche er nur dem Titel nach aus früheren Autoren einfach herüber genommen hat. Die Annahme, von der ich zunächst ausging, es seien alle aufgeführten Werke vom Verfasser eingesehen worden, erwies sich bei näherer Prüfung für eine ganze Anzahl von Schriften als durch- aus irrig. So bin ich z. B. zur festen Überzeugung gelangt, daß von- Bergen das für die Geschichte der Rinde grundlegende Werk des Seb. Bado >Anastasis Corticis Peruviae« nie im Original eingesehen, sondern nur Auszüge, wie sie sich in Mortons Pyretologia (1692) oder in der schon zitierten Abhandlung Bakers finden, benützt hat Schon der Titel des Werkes wird S. 3 fehlerhaft abgedruckt (ganz wie bei Baker!), Bei vielen Titeln seines Literaturverzeichnisses verweist v. Bergen in Anmerkungen auf Schriften anderer Autoren (Baidinger, Geofifroy, Haller, Horbius, Zorn u. s. w.), ohne freilich jemals anzugeben, er habe eben nur aus diesen Schriften die angeführten Titel entnommen, \ die Werke selber aber nicht eingesehen. Da nun solche Autorenzitäte bei den meisten Schriften seines Verzeichnisses beigebracht werden, w^rde bei der Annahme, daß v. Bergen keine der so bezeich neten Schriften selber eingesehen habe, nur wenig von selbständigem Studium der ältesten Chinaliteratur übrig bleiben, ln diesem Punkte ist v. Bergen zum wenigsten nicht zu einer klaren Darstellung gelangt. Ähnliches zeigt sich auch an anderen Stellen des Werkes. Bei dem anerkennenswerten Bestreben, mehr das Gute seiner Vorgänger zu benützen, als ihre Mängel zu rügen , durfte v. Bergen es nicht unterlassen, die auf eigene Studien gegründeten Ergebnisse als solche zu bezeichnen und sie dadurch von den aus anderen Autoren einfach herübergenommenen Angaben zu unterscheiden. _ -

Es mag hier bezüglich eines Teiles der ältesten Chinaliteratur nocli auf ganz besondere Schwierigkeiten, welche inrer Benützung entgegen- standen, zugunsten von Borgens und späterer jSchriftsteller hingewiesen sein. Dieser Teil der Literatur war nicht bloß seltpn und schwer zugänglich, er war sozusagen völlig verschollen und hätte neu entdeckt werden müssen.

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Hierher gehören in erster Linie Schriften allgemein botanischen, pharmazeutischen, medizinischen oder kulturgeschichtlichen Inhaltes sowie Briefsaminlungen aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Aber auch Werke, welche die Chinarinde zum einzigen Gegenstand haben und auf dem Titel tragen, verschwanden fast völlig aus der Bibliographie wie aus der Geschichte ' der China. Wieviele mögen im 18. und selbst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Werkchen des Seb. Bado, welches 1656 gegen den Löwener Professor Plempius erschien und die zweite Verteidigungsschrift der Rinde ist, auch nur dem Titel nach gekannt haben? Wer wußte zu jener Zeit noch etwas von* dem Chinawerk des anderen Genuesen Hieronymus Bardi, welches um 1660 druckfertig vorlag, ja wer weiß heute etwas über dieses Werk und über die Verdienste seines Verfassers um die Chinarinide?') Bei Haller, v. Bergen, K. Sprengel suchen wir die Titel dieser Schriften umsonst. Es sei w^enigstens kurz erwähnt, daß auch Kurt Sprengel in seinem > Versuch einer pragmatischen Geschichte der Arzneikundec (IV*, Halle 1827, S. 513 ff.) ziemlich ausführlich über die Schic ksale der Rinde im 17. Jahrhundert berichtet. Ja nach ihm verdient >die Erzählung von der Erfindung, Einführung und den Schicksalen dieses wichtigen Arzneimittels eine vorzügliche Stellec in der Geschichte der Medizin. . j

Doch die Mängel, weiche sich bei Haller und Baker, bei v. Bergen und Sprengel finden mögen, wären an sich von geringem Belang, wenn nur die späteren Chinolog^n ihre Ergebnisse voll aufgenommen und ihre Forschungen weiter geführt hätten. Aber Tatsache ist, daß nach ihnen die Verfasser pharmakognostischer, medizinischer und botanischer Lehr- und Handbücher, also von Werken, welche gerade zur Verbreitung neuer Resultate sehr geeignet sind, zum guten Teil auf dem alten Stande der Forschung verharrten und in manchen Punkten sich nicht einmal so hoch erheben konnten. Die Sache wurde noch schlimmer dadurch, daß man diese Schwäche der historischen Ausführungen durch das Zitieren von Werken, welche in der Tat bei eingehender Benützung besseren Aufschluß gegeben hätten, gleichsam verdeckte. So erhält der Leser, der keine sorgfältigen Studien und Nachprüfungen anstellt, notwendig den Eindruck daß in Flückigers Pharmakognosie (1891) der Abschnitt über die Geschichte der. Chinarinde bis 1737 auf eingehendem Studium der dort in den Fußnoten zitierten Literatur beruht; ferner wird jeder urteilen, der durch eine ausgedehnte schriftstellerische Tätigkeit bekannte engl. Gelehrte CI. R. Markham habe fiir seine Cinchonaschriften genaue historische Forschungen über die ältesten Schicksale des nach Europa gebrachten Heilmittels angestellt. Tat«;ächlich hat die Erfahrung bereits gezeigt, wie

9 Hieron. Bardi war jedenfalls der begeistertste und auch tüchtigste und tätigte Chinologe« des 17. Jahrhunderts in Italien. Ich werde über seine Person und sein' Wirken in einem eigenen Aufsa z berichten. ' . . * - - /

sehr nicht etwa nur die Leser, sondern die späteren Schriftsteller zu dieser Annahme hingeführt werden; denn der hervorragende wissenschaftliche - Kuf beider Männer hat es bewirkt, daß ihre Forschungsergebnisse ungeprüft und ungeschmälert in Zeitschriften und Bücher übergegangen sind. Und (loch ergibt eine nähere Prüfung, daß die Dinge z. T. wesentlich anders liegen.') - ^

Flückiger bringt über die älteste Geschichte der China in knapper * * Fassung manches Richtige, was vorher wenig oder nicht bekannt war, ' aber auch manches Zweifelhafte und Irrige. Hier sei nur diesbezüglich.' ; noch bemerkt, daß diese Fehler meist durch mangelhafte Berücksichtigung der ältesten Literatur entstanden sind. Es ergibt sich später Gelegenheit auf einige derselben spezfell hinzuweisen.*) r - . V.,

BeiMarkham sind zahlreiche und schlimme Irrtümer gufgenommen; '' im Gegensatz zu Flückiger hat Markham überhaupt nur geringe Kenntnisse über die älteste Geschichte der China, was bei einem so > begeisterten ' Verehrer« der Rinde freilich etwas verwunderlich erscheint. Die Unwissenheit ;* in diesem Punkte wird durch einige z. T. recht mangelhafte Literatur- zitate nur oberflächlich bedeckt und durch die wenigen Notizen, welche , r- für die Geschichte der Rinde als brauchbar gelten können, nicht wett;-

’) Für diese wie für andere Stellen der Arbeit bemerke ich noch eigens, .

etwaige Ausstellungen sich nur auf das sehr beschränkte Gebiet der ältesten Geschichte der Chinarinde beziehen, ferner daß mir jeder Angriff von Persön- ' lichkeiten durchaus fern liegt, wie denn die beiden oben genannten Gelehrten wegen ihrer tüchtigen imd vielseitigen Leistungen Bewunderung verdienen. F. A. Flückiger (1828—1894), ''^on Geburt ein Schweizer, war von 1873 bis 1892 Professor der Pharma- kognosie an der Universität Straßburg. Mit Recht wird er als der bedeutendste ’W Pharmakognost seiner Zeit angesehen. Er war gleich tüchtig in der Botanik und Chemie, im Laboratorium und auf dem Katheder, bei archivalischen Forschungen imd als Schrift- - steiler. Wenn man bei seiner großen Allseitigkeit noch von besonderen Spezialgebieten, - . ' denen er sich mit Vorliebe widmete, sprechen darf, so sind darunter sicherlich drei:

Das Studium der Alkaloide, das der Chinarinden und die Geschichte der Drogen. Seine, in wiederholten Auflagen erschienenen Bücher sowie weit über 200 kleinere und größere Abhandlungen zeugen von bewundernswertem Fleiße und von ganz hüvorragenden ' Leistungen, Näheres siehe in der 1895 von A. Tschirch veröffentlichten Biographie (Berlin).

Von den Werken Flückigers wurden benützt: a) »Pharmacographiac. Ich ge- y brauchte die französische Bearbeitung des Werkes, welche l878 erschien unter dem | Titel: :>Histoire des drogues d’origine v^g^tale«, bearbeitet von J. L. de Lanessan* k) Die nach der 2. Auflage der Pharmakognosie hergestellte Monographie »Die China- j rindenc (Berlin 1883), ein vorzügliches Werk, das Schumann in den Natürlichen '' Pflanzenfamilien (1. c.) treffend charakterisieit mit den Worten, daß es über die Cortices Chinae >in kritischer Beurteilung alles Wissenswerte in botanischer, geschichtlicher, pharmakognostischer und chemischer Hinsicht zusammenstellt«. c) Die letzte (3.) Auflage der Pharmakognosie (Berb'n 1891). In. die 1867 erschienene erste Auflage der Pharmakognosie Einsicht zu nehmen, durfte ich wohl unterlassen, . ' v

.28 .

gemacht.*) Nach welchen Grundsätzen mag in dem Literaturverzeichnis, welches dem Werke Peruvian Bark beigegeben ist, die älteste Literatur ausgewählt sein? So wird zitiert: >Badius, Dr. Sebastian.

Cortex Peruvianus, redivivus, profligator Febrium (Genuae i656)<;*) die »Anastasisc aber, das große Chinawerk desselben A'^erfassers vom Jahre 1663, wird überhaupt nicht erwähnt. Wie kann ein Kenner die China- schrift des Plempius mit einem völlig verstümmelten Titel anführen und in Rom und im Jahre 1656 erscheinen lassen? Das sind Fehler aus Markhams Literaturregister, welche sich noch vermehren ließen.

Was sachliche Irrtümmer angeht, so fällt vor allem auf, daß solche aus der ersten Schrift fast 20 Jahre später in Peruvian Bark un verbessert wieder erscheinen, obgleich der Verfasser inzwischen in Spanien eigene Studien für das Werk über die Gräfin Chinchon d. h. also Studien über die älteste Geschichte der Rinde, ihre Einführung und Verbreitung in Europa angestellt hatte. Auch hier handelt es sich wie bei Flückiger vielfach um Verstöße, welche sich nur erklären lassen aus mangelnder Einsicht in die älteste Literatur, welche aber wegen ihrer Wieder- holung im Jahre i88o und wegen der durch sie herbeigeführten starken Verwirrung in der Chinageschichte des 17. Jahrhunderts noch bedauerlicher

erscheinen.*) Man kann sich auch dem Eindruck kaum entziehen, daß

_ . .

ö CI. R. Markham ist schon seit mehr als 4 Jahrzehnten in der Literatur bekannt. Er hat sich um die geographische Wissenschaft sowie um die Verpflanzung der Cinchonen in die englischen Kolonien große und bleibende Verdienste erworben. Noch im August 1904 konnte der hochbejahrte Gelehrte als Präsident der Ro^'al Geographica] Society in London an dem in Stuttgart abgehaltenen Amerikanisten-Kongreß teilnehmen. Von den zahlreichen Werken Markhams kommen für die älteste Geschichte der China- rinde in Betracht und wurden von uns verglichen: a) Zwei Reisen in Peru. Leipzig 1865, bes. S. 185—190. Der deutsche Bearbeiter dieser Reiseberichte ist weder im Titel noch im Vorwort dieser Schrift genannt, b) A memoir of the Lady Ana de Osorio, Countess of Chinchon and \’ice queen of Peru (A. D. 1629—1639), with a plea for the correct spelling of the Chinchona genus. London 1874. c) Peruvian Bark, London j88o; aus diesem Werke sind für unseren Gegenstand besonders die ersten Kapitel und das S. 487—516 gegebene Literaturverzeichnis zu beachten.

‘j Zudem sollte genauer bezw. richtig zitiert werden: >Cortex Peruviae redi\nvus, profligator febrium assertus . . . a Sebastiane Baldoc.

•} Ich bin weit entfernt, bei einem Manne w^ie CL R. Markham irgendwie mala fides vorauszusetzen. Die Tatsache, daß er beim Schreiben für gewisse Personen oder Nationen stark eingenommen war, ließ ihn wohl manches gar nicht und manches andere nicht objektiv sehen. Einen exakten Historiker kann ich in ihm nicht erblicken. Seine Schrift über »Lady Chinchonc ist mehr schwärmerisch als historisch; wir werden uns an anderer Stelle noch damit zu befassen haben. Auch von anderer Seite wird ähnlich geurteilt; so finde ich in Petermanns Mitteilungen 29. Band (1883) 237 auf die l882

erschienene Schrift Markhams »The war between Peru and Chile, 1879— 1883c hingewiesei mit der Bemerkung, daß »vor einer kritiklosen Annahme seiner Ansichten gewami; werden roüssec. ; ,i - . . , . > '• •. j..: 'i

29-

Markham, der große Kenner moderner Sprachen, sich in lateinischen ScViriften nur schwer zurecht findet; wie könnte er sonst >pulvera co-initissae«, »pulvis febrifugus ventilatioc und ähnliches schreiben!

Es wird nötig sein, die gemachten Ausstellungen wenigstens an einem wichtigen Beispiel näher zu begründen. In dem zitierten Werke Markhams von 1865 findet sich S. 189 folgende Stelle: »Nach der Heilung der Gräfin v. Chinchon wurden die Jesuiten die hauptsächlichen Förderer der Einführung der Chinarinde in Europa ... Im Jahre 1670 schickten sie pulverisierte Chinarinde nach Rom, von wo sie durch den Kardinal de Lugc^an die Mitglieder der Brüderschaft in ganz Europa verteilt und

;o an aie M11

zur Heilung vonj^i^ern^ mit großem Erfolge angewendet wurde. Daher, der Name »Jesuiten-c oder'» Kardinals-Rinde« undj daher auch die komische Tatsache, daß sich dieProtestanten lange Zeit demG^brauche dieses Heilmittels widersetzten, eben weil es von den Jesuiten besonders befürwortet wurde.«

So hatte Markham schon einigejahre vorher in englischer Sprache geschrieben. ' Was in England und Deutschland behaupttit worden war, fand auch Eingang in F r a n k r e i c h. In einer 1 868 zu Paris erschienenen französischen ' Chinaschrift finden wir die eben zitierte Stelle fast in wörtlicher Über- ' ^ Setzung, namentlich auch wiederum die Behauptung, daß die südameri- kanischen Jesuitenmissionäre erst 1670 Chinarinde an den Kardinal de /: Lugo schicken, der sie an die Mitglieder des Ordens in Europa verteilt. : Auch Italien sollte wenigstens ein Stück von dieser wichtigen Entdeckung erfahren. Professor Celli, der bekannte römische Malariaforscher, beginnt in seinem Buche über die Malaria die Geschichte der Chinarinde" mit der Heilung der Gräfin Chinchon in Lima,* *) welche er in das Jahr 1638 versetzt. Nach diesem Ereignis, über dessen Datierung wir jetzt nicht in eine Diskussion eintreten wollen, sei die Rinc e nach Europa gebracht j und besonders auch durch die Jesuiten verbreitet worden. Man habe in . j . Europa zwar die günstigen Heilerfolge erkannt, aber nach 32 Jahren habe / der Kardinal de Lugo seine Ausbreitung durch ein Dekret protegieren f müssen.^) Also 32 Jahre nach 1638, d. h. wiederum das Jahr 1670. Inzwischen / . hatte Markham seine früheren Sätze 1880 aufs neue zum Abdruck gebracht (Peruvian Bark, S. 14), und aus dieser »Quelle«, unter Mitberücksichti^ng

’) J. L. Soubeiran et Aug. Delondre, De J’in des Cinchones dans les Indes Nderlandaises et dans lej Nebenbei bemerkt befindet sich anf der nämlichen S. 5 daß La Fontaine im Jahre 1726, also mehr als 30 Jahre du Quinquina« verfaßt habe, während dieses Gedicht sch *) La Malaria, ed«-, Roma; ohne Jahr, aber 1900

•) Der letzte Passus lautet im Original wörtlich : »tut di Lugo a Roma dovette proteggerne la diffusione con un China il nome di polvere del Cardinale«.

troducüon et de racclimatation Indes Britanniques. S. 5. dieser Schrift das Versehen, ch seinem Tode, das »Poöme on i68i im Druck erschien, oder 1901 erschienen; B. 147. avia 32 anni dopo, il Cardinale decreto dal quäle venne .alla

30"

von Flückigers Pharmakognosie, ist wohl die österreichische geographische Literatur durch Dronke um folgenden Beitrag bereichert worden:

. iBekannter wurde die Chinarinde in Europa durch die Jesuiten. Von ihren zahlreichen südamerikanischen Niederlassungen sandten sie um 1670 gepulverte Rinde nach Rom, von wo der Generalprokurator Kardinal de Lugo sie an die Mitglieder des Ordens in ganz Europa verteilen ließ«.*) Also die Rinde, vor iöyo in Europa kaum bekannt, also :&zahlr eiche« Niederlassungen schickten das Heilmittel, also die Medizin kam schon ^gepulvert« aus Amerika zur Versendung, also de Lugo > Generalprokurator« ! Doch das alles sei hier übeJ^s^en und nur das Jahr 1670 wiederum beachtet.

Werden damit wohl alle Schriften angeführt sein, welche die Rinde im Jahre 1670 an den Kardinal de Lugo gelangen lassen? Schwerlich; denn ich habe mir durchaus nicht die Mühe genommen, hier nach »Voll- ständigkeit der Literaturangaben« zu streben. Es verlohnt sich nicht, diese historische Ente auf allen Bahnen ihres bis in die Gegenwart lebens- kräftigen Fluges, der ähnlich wie bei den echten Wandervögeln keine Landesgrenzen respektiert, zu verfolgen. Die prosaische Wirklichkeit ist, daß Kardinal de Lugo bereits am 20. August 1660 im Alter von 77 Jahren starb. Fügen wir noch hinzu, daß es 1670 keinen anderen Kardinal de Lugo gab und daß dieser 1660 verstorbene Kardinal derselbe Kardinal de Lugo ist, der sich um die Einführung und Ver- breitung der Chinarinde die größten Verdienste erworben hat. Auf diese Verdienste soll indes nicht näher eingegangen werden; hier mußte nur auf den international gewordenen Irrtum hingewiesen werden, der statt der Jahreszahl 1650 die Zahl 1670 gesetzt und damit zwei Dezennien von der größten Tragweite für die Geschichte der China- rinde vollständig unverstanden gelassen hat. Eine Tätigkeit des Kardinals und der Jesuiten für die V^breitung der Rinde, begonnen um 1650 oder schon vorher, ist natürlich von ganz anderer historischer Bedeutung als eine gleiche Tätigkeit vom Jahre 1670 an.

Selbstverständlich war dieser Irrtum leicht zu vermeiden. Kardinal de Lugo ist ja keine Null in der Geschichte der Wissenschaften. Es genügte irgend ein größeres biographisches oder bibliographisches Nachschlagewerk zu vergleichen, von ähnlichen theologischen Werken ganz zu schweigen. Und vor allem folgt aber wiederum aus diesem Irrtum: Wer solche Verstöße gegen die Geschichte begeht, hat keinen Einblick genommen in die älteste Literatur und Geschichte der Rinde. Fast in jeder Chiha-

’) 6. 8 der oben S, 7 Anm. 3 zit Schrift Dronkes. Der in Dronkes Abhandlung S- 7"“9 gegebene Abriß der »Geschichte des Fieberrindenbaumes« teilt die Mängel der Quellen, denen er entnommen ist, : .

Schrift aus der Zeit von 1653 1663 .wird Kardinal de Lugo eingehend behandelt, mehrere Verfasser haben zudem in besonderen Beziehungen zum Kardinal gestanden. So werden wir deutlich auf das Studium der ältesten Chinaliteratur verwiesen, wenn wir die älteste Geschichte der Chinarinde genauer erhalt^ wollen.

Weder v. Bergen (1826) noch Flückiger (1891) setzen übrigens die Tätigkeit des Kardinals de Lugo in ein falsches Jahr, was den Irrtum bei den zahlreichen Abschreibern um so schlimmer macht. Freilich. ..kann sich auch Flückiger von der Tätigkeit des Kardinals nicht annähernd ein richtiges Bild machen und doch erhalten wir ein solches durch, die älteste Literatur. Flückiger bezeichnet de Lugo fälschlich als >Geneial- prokurator des Ordens 'Jesuc (sic!) und behauptet unrichtig von dem Kardinal: >er führte, wie es scheint, die Aufsicht über dessen (des Ordens) ' Apothekec.*) Ferner berichtet er, daß der Kardinal »1649 seiner Durch-^ reise in Paris das Heümittel dem Kardinal Mazerin für den fieberkranken- jungen Louis XIV.« empfohlen habe; aber war de Lugo 1649 oder über- haupt während seines ganzen Kardinalates vo i 1643 1660 je in Paris? ; Alle Biographien des Kardinals haben darüber keine Silbe, zudem läßt sich leicht zeigen, daß diese Angabe Flückigers; auf einer Verwechslung beruht. Hier ist der Prokurator der Ordensprovinz Peru durch den zum Generalprokurator gestempelten Kardinal ersetzt worden.

Es wurden in diesem Kapitel absichtlich Forscher wie v. Bergen, f Markham, Flückiger in erster Linie und ausführlicher berücksichtigt, da sie nach eigener Angabe selbständige Studien über die Geschichte der Rinde angestellthaben. Alle Schriften des I9jahrhundertj; mit längeren oder kürzeren historischen Notizen über die Rinde hier zu erwähnen und zu besprechen, ist ebenso unmöglich wie unnötig. Nur einige Werke seien, teils weil sie eine ziem- lich gute Erörterung bringen, teils weil sie bekannter oder neuer sind, noch kurzgenannt. Von ersterer Art ist die Geschieh tf^erMe di zin in Italien, j welche den Neapolitaner Renzi ^m Verfasser hat;*) Prof. Celli hätte sich j besser dieses Werk seines Landsmannes als Quelhi für seinen geschichtlichen Abriß genommen. Überhaupt ist die italienische teilweise mehr zu benützen. Bekannter in Deutschland, aber bezüglich des in F rage stehenden Punktes weniger entsprechend ist Ha e ser in seinem Lehrbuch .

9 Diese Angaben zeigen, daß Fl. die Beziehungen Orden nicht richtig äuffaßt. Ein Kardinal kann weder Gene so wird de Lugo bei anderen Schriftstellern genannt - ja als Kirchenfürst überhaupt nur lose Beziehungen hat. Oberen des Ordens untersteht

Salvatore de Renzi (medico Napolitano),

^'apoli 1846, 5 voll.' in 8°. Die China-China findet ihre S. 410, wo auch ziemlich reichhaltige historisch-bibli

älteste Literatur gemacht werden. Auch Renzis Darstell img

Sto

eines Kardinals zum Jesuiten^ ralprokurator noch General des Ordens sein, zu dem er wie er als solcher auch keinem

na della Medidna in Italia, Behandlung bes. in Band IV, iographische Angaben über die ist nicht fehleifreL

32

der Geschichte der I^Iedizin (II* *, S. 422 ff.); die wenigen Seiten enthalten zahlreiche Fehler, von denen einige weiter unten zu erwähnen sind. Das bereits genannte Handwörterbuch der Pharmakognosie des Pflanzenreichs von Wittstein berücksichtigt die China im 17. Jahrhundert nur mit einigen Zeilen. Die geschichtlichen Daten, welche Binz für die Rinde im 17. Jahrhundert beibringt'), sind wenig vollständig und z. T. unrichtig.

Vor kurzem erschien ein Werk, dessen Abfassung schon von Flückiger angestrebt, aber nicht verwirklicht wurde, die Geschichte der Pharmazie.*) Es enttäuscht in etwa durch die große Kürze, mit der in dem langen Abschnitt >D^s XVII. Jahrhunderte die Chinarinde behandelt wird. Der Verfasser nennt^^ji^ die Zeit vor 1670 keinerlei Literatur und scheint sich dm wesentlichen ITur an Flückiger zu halten, dessen Pharmakognosie er zitiert. (Leider nicht die letzte Auflage von 1891, sondern die von 1883). Zwei Punkte sind besonders hervorgehoben, die Rinde sei anfangs mit geheimnisvollem_Nimbus umgeben gewesen und in ihrer Geschichte spiele >der Klerus eine gewisse Rolle«. Wir nehmen an, daß Schelenz diese >Rolle des Klerus« mit den kurzen Notizen, welche er im Kleindruck beifügt, nicht erschöpfend behandeln will, andern- falls wären diese Notizen sehr ungerecht, ganz abgesehen von den Unrichtigkeiten, welche in diesen wenigen Zeilen enthalten sind. Indem ich andere Punkte, besonders einige aufklärende Beiträge über den Handel der Jesuiten mit der Rinde und über den großen Nutzen, welchen der Orden angeblich aus diesem Handel zog, auf später verschiebe,*) sollen hier nur einige Bemerkungen über die Stellung, welche dem Kardinal de Lugo zugewiesen ist, ihren Platz finden. Schelenz läßt den Kardinal zwar die Rinde »in einer, wie es scheint, dem Orden gehörigen Apotheke an Arme kostenlos verteilen«, aber er weiß auch, daß der Kardinal das Heilmittel »mit großem Nutzen für den Orden .... verhandelte«. Ein Beweis für diese Behauptung wird nicht gebracht, eine Quelle nicht zitiert. Ob der Kardinal tatsächlich in der wirklich dem Orden, richtiger dem

9 Eulenburg, Realenzyklopädie etc. Vgl. S. 12, Anm. 3.

-) Hermann Schelenz, Geschichte der Pharmazie, Berlin 1904, 934 S Der Abschnitt: »Das XVII. Jahrhundert« steht S. 474 540; für die Chinarinde ist besonders S. 523 zu vergleichen.

•) Die Forscher auf dem historischen Gebiete der Pharmakognosie werden gut daran tun, stets die allgemeine Zeit- und Kulturgeschichte im Auge zu behalten und daraus entsprechende Folgerungen zu ziehen. Der große Freund der Cinchonen, AL V. Humboldt, welcher zuerst, sozusagen als Pflanzengeograph, die natürlichen Standorts- verhältnisse der Cinchonawälder erforschte und in der Geschichte der China gute Kenntnisse besaß, schreibt in Ansichten der Natur (1^. S. 372): »Es bedarf hier kaum der Bemerkung, daß bei den protestantischen Ärzten sich Jesuitenhaß und religiöse Intoleranz in den| langen Streit über den Nutzen oder die Schädlichkeit der Fieber- rinde einmengten«,

■- ,y. , ' .33 .

Collegium Romanum der Gesellschaft Jesu gehörigen Apotheke Rinde austeilen ließ, bleibe hier dahingestellt.') Historisch beglaubigt ist, daß er das Heilmittel in seiner eigenen Wohnung diese befand sich nicht . in irgend einem Hause des. Jesuitenordens reichlich an Arme ver- schenken ließ, ja daß er persönlich dieses Almosen armen Kranken häufig verabreichte. Aber hat Kard. de Lugo auch die Rinde ^verhandelte ? Alle Chinaschriften bis 1670, alle alten Biographien des Kardinals kennen einen

> verhandelnden« Kardinal de Lugo nicht, alle kennen und schildern aber , diesen Freund der China als einen sehr edlen und überaus mildtätigen Mann, als eine sittlich hoch stehende Natur, die wirklich keinen Egoismus kannte und für alle Leiden der Menschheit ein fühlendes Herz und eine offene Hand besaß. Wo* endlich bei dem angeblichen Handel des A Kardinals »der große Nutzen für den Orden« stecken soll, ist nicht / ' , ersichtlich. Der Kardinal hatte weder mit dem ganzen Orden noch mit_ ^ einem einzelnen Hause desselben Gütergemeinschaft. Dieser ganzen Anschauung vom Handel des Kardinals und von der Bereicherung des , ^

Ordens liegt ersichtlich wiederum der Irrtum zu Grunde, de Lugo sei' . - General oder Generalprokurator^ des Ordens gewesen, was, wie oben bemerkt, auf einer Verwechslung mit dem Prokurator der Ordens-Provinz . Peru beruhen dürfte. Dies zur Abwehr eines oft mehr oder weniger klar •. erhobenen, neuerdings aber von Schelenz mit ebensogroßer Deutlichkeit /,V wie Sicherheit vorgetragenen Angriffs auf den durchaus lauteren Charakter ' eines Mannes, der als Gelehrter, als Kirchenfürst und als tatkräftiger, opferwilliger Freund der Chinarinde für alle Zukunft groß dastehen wird.*)

Daß ein anderes hervorragendes Werk aus jüngster Zeit, das Hand- . buch der Geschichte der Medizin (herausgeg. v. Neuburger und Pagel, JI, 1903), wegen der Fülle des zu bewältigenden Stoffes sich bei Behandlung der ältesten Geschichte der Rinde der Kürze befleißt, ist begreiflich. Das Handbuch betont in der Vorrede ^gedrängteste Kürze«,

I ' ^

h Gewiß ist nach zahlreichen Berichten der Zeitgenossen, daß der Apotheker des Collegium Romanum, der um die Verbreitung der Chinarinde so verdiente Laienbruder •./' Petrus Paulus Pucciarini (1600 1661), an die mittellosen Malariakranken das Heilmittel sehr reichlich kostenlos austeilte. Dieser Apotheker sowie die von ihm ver- waltete Apotheke des CoUegs unterstanden aber in keiner Weise dem Kardinal de LugO. Dabei ist möglich, daß de Lugo dem Bruder Pucciarini Rinde, welche für ihn aus Amerika anlangte, zukommen ließ zur Verteilung an Arme. - -

') Alle bringen die Mitteilung, daß der Kardinal de Lugo sich die Verbreitung der Rinde sehr angelegen sein ließ; worin seine Bemühungen bestanden, scheint nur mehr zum geringsten Teile bekannt zu sein. Ich werde an anderer Stelle genau nach den Quellen Aufschluß zu geben suchen. A. Tschirch bedauert in seinem bereits - mehrfach zitierten Vortrag über die Chi no logen des 19. Jahrhunderts, daß die Werke über die Chinarinde kein Bildnis des Kardinals bringen; auch diesem Wunsche koffe ich entsprechen zu können. ~ . -

34

dazu aber >die Notwendigkeit absolut zuverlässiger Angaben.« Leider ist der zweite Teil dieses Programms bezüglich der Chinarinde (vgl. S. 575) nidit vollständig erreicht worden, wie bald gezeigt werden soll.

III. dlle Pseudo-Chinascfirilten uerschiedener FIrt.

Bei den bisherigen Nachforschungen über die älteste Chinaliteratur

o o

sind mancherlei Irrtümer vorgekommen. Sonderbarer Weise ist es auch

wiederholt Literatur über

geschehen,

daß Abhandlungen und Werke zur frühesten die Chinarinde gerechnet wurden, welche durchaus als Pseudo-Chinaschriften angesehen werden müssen. Diese unechte China- literatur verdient aber dennoch unsere Beachtung; sie hat nämlich nich^ geringe Verwirrung bezüglich der ältesten Geschichte der Chinarinde angerichtet, ja sie wirkt gegenwärtig noch in der gleichen Weise ein, weil auch heute die irrigen Anschauungen über diese un echt e Literatur z. T. fortbestehen. - b ' - ^

Wir haben unechte Chinaliteratur von verschiedener Art.- Es gibt Schriften, welche das Wort »China« enthalten und damit ein dem Pflanzen- reich entnommenes Heilmittel bezeichnen. Dennoch können sie nur mit Unrecht zur Literatur der Chinarinde gezogen werden, weil sie unter »China« etwas von der Fieberrinde ganz Verschiedenes verstehen. Es handelt sich also hier um ; eine Verwechslung. Weit wichtiger für die Geschichte der Chinarinde ist jene Art von unechten Schriften, denen in der Chinaliteratur eine Stelle angewiesen wurde, weil sie angeblich die Chinarinde erörtern, was aber in keiner Weise geschieht. Endlich wurden hier und da Schriften angeführt, welche sich sehr frühzeitig über Fieber- rinde aussprechen sollen; das sind aber nicht bloß Pseudo-Chinaschriften, es sind überhaupt Pseudo-Schriften d. h. Schriften, welche nie existiert haben. .

Wie es zu Irrtümern der ersten Art kommen konnte, ist noch am leichtesten verständlich. Schon im 16. Jahrhundert gelangte nämlich eine von Pflanzen des asiatischen Orients stammende Arznei mit dem Namen China in Europa zu großer Berühmtheit. Gewöhnlich wurde sie ^in der Literatur einfachhin als China bezeichnet, doch kommt namentlich mit der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts auch die Bezeichnung »Radix Chinae«, Chinawurzel vor, weil nämlich die »Wurzel«, richtiger der Wurzelstock der Pflanze

b Nach Sch eien z (Gesc

ffizinell war.^) Bei dieser Droge, die zuerst

der Pharm. S. 396) ist der 1555 verstorbene Ferraresc Antonio (Musa) Brassavola der erste, welcher Radix Chinae gebrauchte (wohl schon 1540 oder noch früher). Eine ganze Anzahl von Schriften aus der Zeit 1550 1650 behandelt diese China, selbst in der deutschen Literatur haben wir vor 1600 Abhandlungen darüber. Ein Titel sei angeführj, weil er zeigt, mit welchen Pflanzen diese China

35

aus dem Orient, später aber auch als China occidentalis aus Amerika bezogen wurde, handelt es sich um die zu den Monokotylen gehörige Pflanzengattung Smilax. Als Heilmittel stand sie wohl in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts im höchsten Rufe; später verlor sie allmählich an Bedeutung und ist gegenwärtig in Europa kaum mehr im Gebrauch.

Etwa seit 1650 erhält aber die aus Peru eingeführte Rinde des Fieber- baumes in der Literatur ebenfalls den Namen China;* *) dieser Name, wie immer die Rinde zu demselben gekommen sein mag, hat sicherlich durch seihen guten Klang dem neuen Heilmittel zum Teil die Wege gebahnt, wie umgekehrt der große Ruf, den die Perurinde, die neue China, sich bald erworben hatte, dazu mitgewirkt haben wird, daß die China- wurzel an Ansehen verlor. Aus dem Gesagten ist ersichtlich, wie es kurz nach der Mitte des 17. Jahrhunderts geschehen konnte, daß die^ Literatur über Chinawurzel und Chinarinde, namentlich wenn beide kurz als »China« bezeichnet sind, verwechselt wurde. Es ist also in den * Schriften dieser Zeit genau zuzusehen, welche von den beiden China behandelt wird. Im Jahre 1641 erschien z.' B. das bekannte Antidotarium-; Bononiense in neuer Bearbeitung. An sich wäre eine Aufnahme der Chinä- rinde in diese Auflage nicht unmöglich gewesen, wie später nachge- wiesen werden soll. S. 499 wird tatsächlich ein »Extractum Chinae« - / erwähnt, das aus »China electa incisa« gewonnen wird. Aber aus dem Umstand, daß diese China in keiner Weise als .etwas Neues, vielmehr als ' ' etwas allgemein Bekanntes angeführt wird, ferner aus der Krankheit, für ' welche dieses Extra ctum empfohlen wird, geht mit Sicherheit hervor, daß ; es sich um die Chinawurzel handelt. Es erscheint auch an sich nicht unwahrscheinlich, daß Jakob Balde, der bekannte lateinische Dichter des 17. Jahrhunderts die Rinde gekannt und in seinen kurz vor 1650 verfaßten medizinischen Satyren diese Kenntnis verwertet habe.*) Beim

sozusagen ständig zusammen angeführt wird. Im Jahre 1592 erschien zu Leipzig: Witt ich Joh., Von dem Ligno Gua}^aco . . . von der China . . . v. d.- Sarsa Parilla, vom Lignum Nephriticum etc. Schelenz gibt S. 438 als älteste Schrift über diese China an den »Traictd du bois de l’Esquine« Tours 1545, verf. von Lespleigney..

9 In der spanischen medizinischen Literatur welleicht schon einige Jahre vorher.

Ich bemerke an dieser Stelle, daß im folgenden die älteste spanische Literatur Ober __ die Chinarinde nicht berücksichtigt isL Ich kenne wohl die Angaben, welche Sprengel/^ (Geschichte der Arzneikunde IV* [1827], S. 518) darüber hat, war aber bisher nicht im-- - Stande, die Nachprüfung dieser Angaben zu beendigen. Barba schrieb nicht in Spanien, sondern in Belgien und bleibt deshalb nicht ausgeschlossen. i

•) Ich benützte die Ausgabe: Joh'. Neu big, Jakob Balde’s Medizinische Satyren, urschriftlich, übersetzt und erläutert. München 1833. Nciibigs Übersetzimg ist gut; für den Durchschnittslateiner und für den mit den medizinischen Gepflogenheiten einer früheren Zeit wenig vertrauten Leser ist eine Übersetzung fast notwendig. Die Satyren, -/ selber verdienen alle Beachtung für die Geschichte der Medizin in der dam^gen Zeit, -

36

. \

Durchblälterii fällt der Titel der dritten Sat\Te auf: »Morborum initia et causae. IMonstrificorum medicaminum inventa.« In dieser Sat^Te findet sich denn auch wirklich das Wort China. Aber der oanze Zusammenhanor

o o

zeigt, worauf in etwa auch das vorausgehende »Radices« schon hinweisen mag, daß der Dichter an die Chinawurzel dachte.^)

Daß anfangs wirklich Verwechslungen der beiden Chinadrogen in der Literatur vorkamen, läßt sich mit Deutlichkeit aus den Angaben alter echter Chinaschrilten entnehmen. In dem Werk des Rol. Storms (1659), in der kleinen Schrift von Ammann-Rolhmann (1663), sowie in anderen Chinaschriften aus dieser Zeit wird eigens und mit Nachdruck bemerkt, daß das neue Heilmittel namens China gar nichts mit der alten China Man ist gleichsam erstaunt darüber und will der nahe- liegenden Verwechslung frühzeitig entgegen treten. Tatsächlich dauerte sie auch we|er lange an, noch war sie sehr verhreitet. Deshalb' ist' es diesem Punkt länger zu verweilen.* *) Nur die eine Bemerkung ^latz finden, daß gerade für den heutigen Forscher die Irrtums hier nahe liegt, weil wir gegenwärtig nur mehr die = Cinchona). besonders beachten.

unnötig, bei möo^e noch Gefahr eines eine China (

lassen und

waren.

Wir

Im Jahi e 1651 erschien zu Rom ein Werk, dessen Textbearbeitung schon mehr als zwanzig Jahre vorher völlig abgeschlossen war. Der Inhalt beruhte gar auf Forschungen, welche bereits über 70 Jahre zurück

welche auch- teilweise schon früher veröffentlicht worden meinen den Thesaurus des Francisco Hernandez,

dem allerdings eine ganze Reihe von ^fremden Zutaten auch von diesen ist keine nach dem Jahre 1630 verfaßt beigegeben war.*) Das Werk verdiente also nicht gerade die hervorragende Beachtung, welche

wenn auch slets zu berücksichtigen ist, daß es eben Satyren sind. Eine neueste Würdigung der Schrift gibt J. Knepper in dem Aufsatz: Ein deutscher Jesuit als medi- zinischer Satyriker. (.Archiv f. Kulturgesch. II, 1904, S. 33).

Ö Die Stelle lautet (Neubig. 1. c. S. 40): Ignotae procul et trans aequora lectae

Radices magro sumtu votoque petuntur. Cachunde et China et Guajacum, barbara dictu Germina, quis veterum suTnsit? Quis noverat usquam Crescere?

*) Doch sei beispielsweise hingewiesen auf Hellwig, Medizinisches Lexicon, Hannover 1713, in dem noch alle Chinaarten durcheinander behandelt sind, orientalische und occidenta ische, Rinde und Wurzel. Eine der ältesten Unklarheiten dieser Art findet sich im »Hercules medicusc des Wolfgang Höfer (Wien 1657), wo S. 257 von der Rad. China Chinae gesprochen wird, obgleich augenscheinlich von dem neuen Heilmittel gegen die Malaria die Rede ist. Über die Schrift vgl. auch Kap. IV.

n medicaruin novae Hispaniae thesaurus seu plantarum, animalium, xicanorum historia ex Francisci. Hernandez, novi Orbis medici primani, 1 ipsa Mexicana urbe conscriptis, a Nardo Antom’o Reccho . iussu collecta ac in ordinem digesta, a Jo^Terentio L^mceo Constantiensc

b Reru mineralium m relationibus i Philipp! II

Germ^ Pho ic Medico noiis illustrata .... Romae 1651, foL So lautet (stark verkürzt)

ihm von den Zeitgenossen zunächst geschenkt wnrde, zumal dem z. T. ' schon veralteten Inhalt meist nur rohe Figuren beigefügt waren. Man suchte aber damals in allen neu erscheinenden botanischen Werken, in denen exotische Pflanzen, beschrieben waren, nach dem Chinabaum. Rol. Sturmius zählt in seiner Chinaschrift (1659; S. 13) eine ganze Reihe von Botanikern auf, bei denen der Chinabaum nicht erwähnt sei; an letzter Stelle nennt er Piso und Hernandez und zwar mit Befremden, da diese doch die Pflanzen von Peru genau beschrieben hätten. Ammann-Rothmann bringen 1663 eine ähnliche Liste von Botanikern, fügen aber bei Hernandez hinzu : »qui tarnen plantas Indicas et in specie ' Peruvianas accuratissime descripsit.« (1. c. Abschnitt I § l). Auch noch ^andere Gelehrte jener Zeit waren verwundert und enttäuscht, den Fieber- rindenbaum in dem Werke des Hernandez nicht zu entdecken, während' “' andere hinwieder meinten, die Stammpflanz^ des neuen Heilmittels in Text und Abbildung wirklich vor sich zu haben. So erklärt es sich, daß-' noch 1826 von Bergen unter der langen Liste von Namen, welche der- ' Fieberbaum oder seine Rinde im Laufe der fahre erhalten haben, auch die Bezeichnung >Holquahvitl« oder »Arbor Chilli« aus Hernandez anführt 'b Abbildung wie Text auf S. 50 des Hernandezschen Werkes zeigen aber, - daß es sich bei diesem Baume in keiner Weise um eine Cinchona handelt der »cortex amarus« und der Gebrauch dieser bitteren Rinde als Heil- mittel sind das einzige Übereinstimmende und jedenfalls auch der Anlaß zu denj Irrtum gewesen. Wer zuerst im »Fblquahvitl« des- Hernandez den Chinabaum erblickt hat, wurde von mir, weil die Sache belanglos erscheint, nicht weiter verfolgt.

Bei Haller findet sich die Bemerkung, daß auch Petrus C^tellus/ die China auf eine Pflanze des Hernandez bezogen habe.b In der Tat/ glaubte der berühmte Pietro Castelli, die Chinapflanze hier entdeckt zu haben. Aber auch er irrte sich, doch ist dieser Irrtum sehr entschuldbar, da er im Jahre 1653, also zu eirter Zeit, wo über die Pflanze kaum irgend eine Kenntnis nach Europa gelangt war, bedangen wairde. Übrigens ast die Abhandlung Castelli^“^v^lche dieses Dztum enthält, dennoch von '

b y

der Titel des Folianten; ich benützte diese römische A und das eigenartige Werk, welches heute für (he Gei pflanzen nicht ohne Bedeutung ist, kann hier nicht Orientierung ven^iesen auf: SpTengel, Geschichte Bibi. bot. I, S. 419; Colmeiro, La botänica y los Lusitana, Madrid, 1858 S. 154; Fl ü ckiger Pharmako b Haller, Bibliotheca bot. I, 429. Nach der Schrift bemerkt Haller : »in fine dissertationis agit de refert ad fruticem* febrifugum Ystic patli Franc den einheimischen Namen nicht genau kopiert. Vgl.

usgabe. Näheres über Hernandez“ chichte_mancher Nutz- und Heil- gebracht werden. Es sei zur d. Bot, II (1818), S. 61; Haller, tänicos de la peninsula Hispano- ^osie, 1891, S. 1065. '

Angabe des Titels von Castellis cortice Peru\iano, quem non bene- sei Hernandez.f Haller hat die Schreibweise im Text . -

38'

einiger Bedeutung für die Geschichte der Rinde. Zunächst kennen wir bis jetzt kein in Italien vor 1654 gedrucktes Werk, welches ~die China- rinde behandelt. Zwar ist auch Castellis Abhandlung^ nicht ausschließlich, sondern nur zum kleinsten Teil (von S. 17 an) dem neuen Heilmittel gewidmet, aber auch nur eine derartige kurze Erwähnung der Rinde scheint in einer vor 1654 veröffentlichten Schrift in Italien nicht erfolgt zu sein.

Es wird keiner besonderen Begründung bedürfen, wenn hier etwas näher auf die Person des ersten italienischen ChinaschriftstelJers und auf die von ihm verfaßte China- schrift eingegangen wird, zumal beide heute zu den Vergessenen gehören*). Vergessen und doch hatte der 85jährige Greis in einem Rückblick auf seinen Lebenslauf im Jahre 1659 mit Befriedigung von sich gesagt: »Satis et satis in orbe notus sum!« Und doch hatte noch 1660, als zwei Schüler Castellis zu Doktoren der Medizin jpromoviert wurden, der Professor der Medizin Francesco Avellini seinen Kollegen Castdli als ein wahres Weltwunder gepriesen. Ganz abgesehen von den biographischen Rotizen, w^elche uns in dieser akademischen Rede ein Zeitgenosse über den noch let enden und bei der Promotionsfeier anwesenden Castelli gibt, wird es schon kulturgeschichtlich von Interesse sein, aus der schwung\’ollen, fast musikalischen Rede eines damaligen Naturforschers, welche 1660 zu Messina im Druck erschien, einige Sätze zu vemehmer. > . . . . Castellum, quem ut nominavi, omnia dixi. Castellum, quem Roma rerum ac scientiarum domina peperit; quem Gallia tot celeberrimis üniversitatibus clarissima, quem Germania tot Principibus atque artibus foecundissima, quem Hispania tot florentissimis ingeniis ditissima, quantum ingenio polieret, scientia praestaret, experientia valeret,profundeedocta,honorifice admisit, honorificentissime dimisit, amissum deperit, absentem suspiiaL Castellum inter Philosophos magnum, inter Ch^’micos illustrem, inter Ph3’sicos Optimum, inter Chirurgos praestantissimum, inter Simplicistas {= Botaniker) primatem, inter Anatomistasadmirandum, inter saeculi nostri scriptores laudatissimum .... Unus enim ipse, si profunda naturae

b Der volle Titel dieser augenscheinlich sehr seltenen kleinen Schrift lautet: Responsio chimica / D. Petri Castelli / Romani: / Medici et Philosophi. / Atque in Messai^ensi Archigymnasio / Medicinae practicae Lectoris Primarij / Vespertini. / Olim Romae philosophiam primum, deinde Medicinam / docentis. / De effervescentia et mu- tatione colorum in mixtione liquorum / Chimicorum. / Messanae, T;*pis Haeredum Petri Pyreae 1654. / Superiorum permissu. 4 unpaginierte Blätter u. 19 S., kl. 4®. Außer in Messina (Univ. Bibi.) befindet sich die Schrift z. B. in der Bibliotheque nationale zu Paris.

b Über Castelli finden sich in der Literatur nur kurze und z. T. recht fehler- hafte Notizen vor. Es gilt dies z. B. von der Biographie universelle (i 81 3I, de Renzi (Storia della medicina etc. IV, S. 351; 1846), Nouvelle Biographie universelle (1854); die kurzen Angaben Jöchers (Gelehrtenlexikon 1756) waren zuverlässiger. Die überaus zahlreichen Schriften Castellis sind nirgends vollzählig aufgeführt; vgl. darüber außer den genannten Werken auch Haller, Bibliotheca botanica 1. Eine monographische Behandlung des einst so berühmten Mannes dürfte namentlich im Interesse der Geschichte der Medizin und Botanik als wünschenswert erscheinen. Als Quellen wären vor allem die Schriften Castellis heranzuziehen, da dieser es liebt, über sich, seine Tätigkeit und seine Beziehungen eingehende Mitteilungen zu geben. Ich gebe hier nur einige Notizen, welche vielleicht schon als zu umfangreich für den Rahmen dieser Arbeit ange- sehen werden können. Alle meine Angaben stützen sich auf Schriften Castellis. Für

die diesbezügliche Literatur bin ich Dr.F.Cavara, Prof, der Botani Catania, zu besonderem Danke verpflichtet

i an der Universität

nmetur, Aristoteles; ipse, si spagiricas exerceat functiones, Theophrastus; ipse, si obstinatissimos suo cogat imperio parere languores, Galenus; ipse, si enormia obducaf vulnera, Paeon; ipse, si humani corporis compagem scrutetur, Vesalius; ipse, si herbarum lapidumque vires noverit, Dioscorides; ipse denique, si de quolibet argumento scribat, Origenes est . . Tatsache ist, daß das 19. Jahrhundert weder das Jahr der Geburt noch den Geburtsort noch das Todesjahr dieses seiner Zeit bewunderten Mannes kannte. Man schreibt, er sei am Ende des 16. Jahrhunderts geboren; aber fast mit Sicherheit läßt sich 1574 Geburtsjahr erweisen und durchaus gewiß ist, daß er nicht nach 1579 geboren ist. Irrtümlich geben die biographischen Sammelwerke Messina als Vaterstadt an; Jöcher hat recht, wenn er Rom nennt. Fast aus jedem Werk Castellis ist ersichtlich, daß er ein Römer ist; überaus häufig nennt er sich »Romanus« und noch 1654 hält er dem Senat von Messina vor, daß er auf dessen Ruf hin alles, selbst seine Vaterstadt verlassen habe; zudem bezeugen verschiedene Zeitgenossen in ihren Schriften das Nämliche. Castelli hat von früfie.ster Jugend an bis ins hc^e Alter eine warme Begeisterung für die Wissenschaften in sich getragen. Seine sprachlicne Schulung von dem Siebzig- jährigen wnrd bezeugt, daß er »ex tempore« in lateinischer und griechischer Sprache' vortrug -v^nirde noch übertroffen durch die Ausbildung in den Realien. Im Alter von 17 Jahren wurde er Doktor der Philosophie und Medizin. Als seinen Lehrer nennt er vor allem den berühmten Botaniker Andrea Cfesalpino, wie er auch diesen als Schüler des Luca Ghini bezeichnet. Seine große/A^on frühester Jugend bis ins hohe Alter an- dauernde Vorliebe für die Botanik \\nrd dadurch verständlich. Mehr als 37 Jahre lehrte er selber Botanik in Rom; da er 1634 als Professor nach Messina ging, nahm diese- Lehrtätigkeit in Rom spätestens 1597 ihren Anfang. Wann er seine großen Reisen durch. Frankreich, Deutschland und Spanien gemacht hat, habe ich nicht weiter verfolgt; jeden- falls gehören sie der Zeit vor 1634 an. In Messina hatte er schon 1635 den botanischen Garten (hortus publicus simplicium) angelegt und noch 1652 nennt er sich »Messanensis horti botanici praefectus«, wie er auch 1640 die Schrift »Hortus Messanensis« erscheinen ließ. Große Unterstützung und allzuviel Anerkennung scheint er für seine Tätigkeit in. Messina nicht gefunden zu haben; denn in der Widmung seiner Chinaschrift sie ist dem Senat gewidmet betont er: »Hortum simplicium publicum, ab ülustrissimo Senatu initiatum, simplicibus replevi ex toto terrarum orbe requisitis, et ut vobis constat, meis expensis perfeci . . . nec referam labores meos corporeos«. Neben der Botanik hat Castelli vor allem die Anatomie gepflegt, obschon sie nicht ihm zugeviesen war. Der Apotheker Giov. Doraenico Car du 11 o gibt in seiner Theriakschrift aus dem Jahre 1637 einen überaus glänzenden Bericht über die erste »Anatomie«, welche Castelli im gleichen Jahre durch 8 Tage vor- und nachmittags in mehrstündigen Vorträgen und Demonstrationen öffcntjich abhielt; mehr als 18 Arzte waren zugegen. ' Wiederholt hat er auch später die Notwendigkeit einer tüchtigen anatomischen Schulung für- den Arzt betont, wobei er gelegentlich einer Schrift aus dem Jahre 1648 mitteilt, daß er es schon früher auf »centum cadavera secta« gebracht habe.*) So darf er denn in der schon genannten Widmung an den Senat von Messina freimütig an diesen Teil seiner Tätigkeit erinnern. »Anatomen publice labore tarnen maxirao atque gratis expensisque meis ad docendos Medicos nec non chirurgos pluries exercui«. So wird es begreiflicl^ daß der berühmte Däne Thom. Bartholinus auf seiner italienischen Studienreise auch Messina und Castelli (1644) aufsuchte und in seinen Briefen von Castellis botanischem Garten, von seiner botanischen Exkursion, welche er mit Castelli auf den Ätna

') Nach den Epist medicinales des Thom. Bartholinus, Cent. I. ep. 55 (an Castelli gerichtet) hatte Castelli diese ^oße Zahl von Sectionen schon in Rom, also vor 1634, erreicht ~ --

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oben erwähnten

iinccrwahm,’) von der großen literarischen Tätigkeit seines Freundes (»t otus est in edendis variae editionis libris«, ep. 51, »infinita, quae prompta ad scribenduni manus effunditc, ep. 54) zu erzählen weiß. Die Zahl der kleinen und großen Schrifttn Castellis dürfte 150 übersteigen. In der schon genannten Widmung hat er es ebenfalls nicht unterlassen, den Senat daran zu erinnera, wie seine literarische Tätigkeit nicht nur den Verfasser,., sondern auch die Stadt Messina weltberühmt gemacht habe. Schon diese Andeutungen' lassen auch eine Schwäche Castellis erkennen. Es berührt wenigstens heute unangenehm, daß er über die' eigenen Leistungen wiederholt in breiter Darstellurg und mit großer Selbstgefälligkeit berichtet; auch die grenzenlose Verherrlichung, welche er sich durch Freunde zollen läßt, wirkt heute fast abstoßerd Freilich sind der Brauch in der damaligen Gelehrtenwelt sowie das hohe Alter des Gelehrten, der in den letzter. Jahren vor allem der Erinnerung seiner langjährigen Tätigkeit gelebt haben wird, zu berücksichtigen. Als Todesjahr Castellis wird 1656, 1657 und 1658 angegeben, aber d'^se 3 Daten sind sicher unrichtig. Jöcher mag wohl wiederum recht haben mit dem j’ahre 1662; jeden- falls starb Castelli nicht vor dem Jahre 1660, da er noch 1659 in Messina eine Schrift erscheinen ließ und sogar im darauffolgenden Jahre noch bei d^

Promotionsfeier zugegen war. ,

Wir kominen zu Castellis »Chinaschrift«, welche zwir eine Pseudo- Chinaschrift zur Quelle hat und selber kaum eine ande^e Bezeichnung verdient. In einer zwei Jahre früher veröffentlichten Abh indlung* *“*) hatte Castelli bezü£:lich der exotischen Heilmittel einen sehr extremen Stand

^ i .

punkt eingenommen, dem er am Schlüsse in den Worten A|isdruck verlieh:

icamentis, quae Anschauung ist 1653

soll. Dennoch die Chinarinde daß er zuerst Es läßt sich seiner Schrift lers in Händen

»Quare concludo, quoscumque (homines) debere uti iis mec Deus illis in sua regione praeparavit«. Bei einer solchen es schwer verständlich, wie Castelli im Herbst des Jahres teidigung der amerikanischen Chinarinde abgefaßt haben finden wir z. B. bei Kurt Sprengel die Angabe, daß er verteidigt habe,^) und de Renzi berichtet 20 Jahre später in Italien die Rinde verteidigt habe.“*) Beides ist unrichtig, nicht einmal erweisen, daß Castelli zur Zeit der Abfassun irgend ein Stück der Rinde, bezw. eine Dosis des Pulv gehabt, geschweige denn bei einem Kranken gebraucht habe; das Gegen-

ir

*) Bartholinus, Epistolae medicinales, cent. I; Brief 51 vom Messina berichtet über seinen Verkehr mit Castelli, Brief 52 über di führt er gegen 70 »plantas circa Aethnam nascentes« auf mit der Be die meisten Namen von Castelli. Zur Beurteilung des Mannes hat noch den Satz; >Est vero Castellus totus Hippocraticus.«

An Smilax aspera europaea sit eadem a^__Salsa- Parilh

Messanae 1652. - " ^ -

*) K. Sprengel, Versuch einer pragrhatischen Geschichte der (1827), S. 521. Spr. verweist in einer Anmerkung auf unsere Schri de Renzi, Storia etc IV, S. 394 ff. »II primo in Italia a pren China fu Pietro Castelli di Messina professore in Roma (!) . . Egjl che offriva la chimica di quei tempi, alla analogia di questi rimedi patologici allora piü comunemenle ammessi per sostenerne l’efficac dal danno che le veniva attribuito. . ' .

April 1644 aus 2 Exkursion; hier merkung, er habe rtholin in Ep. 54

-Americana etc.'

Arzneykunde, IV ift.

aere le difese della i ricorse a’ mezzi ed a’ principii a, e per iscusarla

teil ist zum wenigsten sehr wahrscheinlich. Auch wußte er im Herbst 1653, d. h. als er schrieb, sicherlich nichts von den starken Angriffen, welchen die Rinde ausgesetzt war, da er Chiftlets 1653 erschienene Schrift, welche sicher noch nicht in seinen Händen war, nicht zitiert.

Wie kam aber Castelli' dazu, über die China zu schreiben? Er belehrt uns selbst darüber, indem er vor seiner Abhandlung einen Brief des damals in Rom lebenden Genuesen Hieronymus Bardi abdruckt. In dem Briefe legt Bardi eine chemische' Schwierigkeit vor, über die er von Castelli Aufschluß begehrt. Mit Recht macht Castelli diese Schwierigkeit zum Titel seiner Schrift. Aber am Ende seines Briefes hatte Bardi auch um Auskunft gebeten, welche Erfahrungen etwa Castelli über die China- rinde habe.’) Diese Frage war die Veranlassung, daß Castelli am Schlüsse seiner Abhandlung auf die Chinarinde zu sprechen kommt. »Quaeris ulterius, so leitet er S. 17 über, quid sentiam de Cortice illo febrifugo ex Indiis delato, et in usu ad Quartanas Tertianasque febres. Habui equidem huius plantae semina 30 abhinc annis sub nomine Chinachina, sed vires ignorabam, nunc descriptam reperio in Hist, plantarum novae Hispaniae a Nardo Antonio Rechio (sic) lib. 4 hisce verbis«. Dann gibt er wirklich^ den Text des Hernandez über die Pflanze Ytzic patli (fru tex_ febriTugus

oa

S.^ 116 bei Hernandez). Diese Pflanze bespricht er dann weiter nach ihren Blättern, ihrem Samen, ihrem »temperamentum«. Wie wenig aber dieselbe trotz ihrer in Amerika bei den Einheimischen sehr verbreiteten Anwendung gegen Fieber mit der Chinarinde zu tun hat, geht, ganz abgesehen von der morphologischen Verschiedenheit beider Pflanzen, l^chon hervor aus der von Hernandez berichteten Art der Anwendung: Radix dempto cortice ad versus febres solet devorari«. Hat Castelli diese Stelle falsch verstanden? Hat die Vorstellung von der schon lange im Gebrauch befindlichen Chinawurzel auch hier störend eingewirkt? Aber selbst dieser vermeintlichen Chinapflanze nimmt sich Castelli durch- aus nicht mit Wärme an; er gibt* * sich nicht als ihren Verteidiger, wie er denn auch von Angriffen gegen dieselbe nichts weiß und auch durch Bardi nichts erfahren hat. Von eigenen »observatiönesc, wde Bardi es gewünscht, berichtet er gar nichts. Daß es wirklich ein «frutex febrifugus«

’) Es würde zu weit führen, hier nähere Angaben über den eifrigen Förderer der Chinarinde Hieron. Bardi machen zu wollen. Ich werde bei anderer Gelegenheit auf ihn und seine Tätigkeit zurückkommen. Der erwähnte Brief trägt das Datum : »Romae idibus Septemb. 1653«; die Anrede lautet: »Clarissimo, et doctiss. Viro omniscio Petro Castello Professori Medicinae consummatissimo. Hieronymus Bardi F. P. P.^

*) Bardi schreibt, er schicke ihm gleichzeitig eine S}Tiopsis seiner Jatroch-ynnie, :»ut eius censum et censuram genio et ingenio philosophico aperias et praesertim quid adnotatum habeas pro cortice febrifugo ex Regno Chiti (sic!) uno ex Peruvianis ad nos deducto pro quartana et tertiana febri hic maximo in usu, et quasnam habeas digna§ huius obseirationes.c . . - . . - ' vj.

sei, bestreitet er nicht; aber auch »Coniza magna« werde als »febrifuga« bezeichnet und er nenne die Pflanze ^>Pentaphyllon« eine »febrifuga«, weil sie nach seinen Beobachtungen die Quartana vertreibe. Ähnlich gelte Vitex bei den Landleuten als febrifug. »Ergo und damit bricht < er ab in nostro etiam Hemispherio reperiuntur plantae febrifugae, licet parum nobis notae«.^) Das klingt nicht nach einer Verteidigung des neuen exotischen Heilmittels, sondern ganz ähnlich wie der zwei Jahre vorher bei Smilax aspera vorfochtene Satz, es sollten die Menschen einer jeden Gegend die Heilmittel gebrauchen, welche Gott für sie in ihrer Heimat hergerichtet habe. Als Ergebnis bleibt somit, daß Pietro Castelli im Jahre 1653 die Rinde weder verteidigte noch durch deren Gebrauch ihre Wirkungsweise erkannt hatte.

Noch einige Bemerkungen seien aber im Anschluß an die Schriften des Hernandez und Castelli vorgebracht. Auch Hernandez erwähnt mehr- fach die Chinawurzel unter dem einfachen Namen China (S. 212, 213, 227, 228, 289), wo es sich immer um die Gattung Smilax handelt; hin- gegen trägt keine andere Pflanzengattung bei Hernandez den Namen China oder die Verdopplung China-China. Seit dela Condamines Abhandlung über Quinquina (1738) wird gewöhnlich die Ansicht verteidigt, die jetzige Gattung Cinchona sei nur infolge einer Verwechslung mit den Balsambäumen zu dem Namen China oder China-China gelangt. In Europa habe man nämlich anfangs geglaubt, in dem neuen Heilmittel die Rinde von Balsambäumen vor sich zu haben. Daß gewisse Balsambäume bei den Eingeborenen aber Kinakina oder ganz ähnlich genannt wurden, glaubt man daraus schließen zu dürfen, daß zu de la Condamines Zeit und auch im 19. Jahrhundert die Samen des Balsambaumes Myroxylon peruiferum im nordwestlichen Südamerika den Namen Pepitas de Kinakina führten. Aber es wäre nachzuweisen, daß diese Benennung bereits vor j o in Amerika für die Balsambäume gebräuchlich war. Nachweislich sind die einheimischen Namen durch die Spanier vielfach verändert worden. Haben doch gerade die Eingeborenen den Namen Cascarilla für unsere Chinarinde ganz allgemein von den Spaniern übernommen. Nun muß es aber sehr auffällig erscheinen, daß bei Hernandez auf S. 51 53 Balsam- bäume (Balsamifera I IV) behandelt werden, ohne daß für einen dieser Bäume oder für ihre Hülsen und Samen der Name Kinkina gebraucht wird. Gibt doch gerade Hernandez mit großem Fleiß überall die einn heimischen Namen! Da liegt doch die Annahme nahe, daß umgekehrtj

9 Diesem Schlußsätze ist das Datum beifj;efügt: »Messanae Kal. Novembris 1653 instante lectionum tempore«. *

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die Samen des Balsambaumes, weil auch sie als Febrifuga galten,') nach dem berühmten Fieberrindenbaum benannt wurden. Aber gegen eine solche Annahme sprechen durchaus die klaren Worte Castellis. Der italienische Botaniker schreibt ja im Jahre 1653 mit aller Bestimmtheit, daß er 30 Jahre vorher Samen einer Pflanze mit demNamen Chinachina hatte. Diese Stelle läßt sich wohl nur so erklären, daß Castelli bald nach 1620 in Rom die bei de la Condamine und so vielen späteren erwähnten Pepitas (Kerne) de Quina-quina gesehen und wohl auch besessen hat. Jedenfalls waren um 1625 Samen unter dem Namen Chinachina nach Europa gelangt, also zu einer Zeit, für die an eine bereits erfolgte Einführung der Chinarinde nicht zu denken ist.* *) Eine neue Schwierigkeit liegt aber darin, daß Castelli, ein Fachmann in dem damaligen Balsamstreit, die von ihm Chinachina benannten Samen gar nicht auf einen Balsambaum bezieht. Die Namen »China« und »Chinachina« enthalten noch ungelöste Schwierigkeiten!

Wir kommen zum »Fall Barba«, d. h. zu einem großen Irrtum in der Geschichte der Chinarinde, welcher wenigstens bis tief in das 18. Jahr- hundert zurückreicht und selbst im 20. Jahrhundert noch nicht von der Bildfläche verschwunden ist. Es dürfte nicht überflüssig sein, die Bemerkung vorauszuschicken, daß dieser Irrtum sich an ein historisches Ereignis anlehnt, welches vor allem Belgien und Spanien betraf und berechtigtes Aufsehen erregte. Der junge Kardinal-Infant Ferdinand, schon im Jahre 1631 durch seinen königlichen Bruder Philipp IV. zum Statthalter der Niederlande ausersehen, hatte 1634 im Alter von 25 Jahren den Statt- halterposten wirklich angetreten. Bekanntlich'~'blieb nach wie vor das Kriegshandwerk seine Haupttätigkeit. Aber im August 1^4^ wurde er im Lager vor Aire (Artois) von der Malaria befallen, welche an^9^November des gleichen Jahres seinem Leben ein Ende machte.^) Diese Krankheit

') Hemandez berichtet nämlich 1. c.; »ab ipso semine expressiim oleum

diutumarura febrium repetentia frigora pellit«, wenn es auf Hals und Nacken gestrichen wei^e, ähnlich wie auch vom Balsam selber geglaubt wurde.

b Die latein. Worte Castellis s. oben S. 41; in der seit dem 17. Jahrhundert wiederholt verhandelten Namensfrage ist meines Wissens nie diese Stelle Castellis venvertet worden, aber auch ein sonstiger Nachweis, daß die Bezeichnung Chinachina für irgend eine Droge vor 1650 im Gebrauch war, nicht erbracht worden. Natürlich ist für obige Erklärung notwendige Voraussetzung, daß Castelli in der Zeitangabe sich nicht geirrt hat.

*) Wegen sonstiger Einzelheiten sind historische Werke zu vergleichen, z, B. Wurzbach, Biograph. Lexikon des Kaisertums Österreich, \1, S. 190. Obige Angaben waren vor allem deshalb vorauszüschicken, weil in der Chinaliteratur, welche den Arzt Barba immer wieder zitiert, nie bemerkt wird, um welchen Kranken es sich handelt.

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ist die reale Unterlage für den »Fall Barba«, der wegen der großen Ver- breitung des dabei vorliegenden Irrtums und wegen seiner einschneidenden Bedeutung für die Geschichte der Chinarinde ausführlicher zu behandeln ist. Trotzdem wurde in Anführung der Autoren, welche diesen Irrtum' vertreten haben, keinerlei Vollständigkeit angestrebt. Es war nur eine Auswahl zu treffen in einer Weise,, aus der klar ersichtlich wurde, es handle sich um eine zeitlich und räumlich stark verbreitete Lehre. Daß ein derartiger Irrtum endlich eine an der Hand der Original- literatur gegebene Richtigstellung notwendig macht, wird damit ebenfalls einleuchtend sein.*).

Die Zeit vor Hallerj Habe ich nach Angaben über die Verdienste des

spanischen Arztes Petrus Haller hat die kurze Xoti tertianae Sevilla 1642.'

Barba um die Chinarinde nicht durchforscht z: »Petri Barba vera praxis de curatione 4°. Pro Cortice Peruviano«. Demnach soll eine 1642 in Sevilla erschieneie Schrift des Peter Barba für der Gebrauch der Chinarinde beim Tertianfieber eingetreten sein. Es wäre alsdann Barbas Abhandlung die älteste Schrift, welche die Chinarinde kennt und dazu noch verteidigt Haller gibt für seine Mitteilung, wie er sonst bei Schriften, die ihm nicht Vorlagen, zu tun pflegt, keinen Gewährsmann an. Dennoch hat er die »Ver 1 praxis« schwerlich in Händen gehabt, was sich

schon aus der Tatsache Gegensatz zu Haller wed Etwa 30 Jahre nach Halle Petrus Barba die nämlich unter den ersten für die v. Bergens beschäftigt

vermuten läßt, daß der Titel der Schrift im r einen Druckort noch eine ^Jahreszahl angibt, r schreibt die Biographie universelle dem

e Schrift zu mit dem Hinweis, ihr Verfasser sei

/ .

Chinarinde eingetreten.*) Auch die Monographie sich ausführlicher mit Barbas »Chinaschrift«. Auf S. 77 findet sich d^r Satz: »Überhaupt scheinen die Spanier mit wenig Ausnahmen in den ersten Zeiten wenig über die Chinarinde ge- schrieben zu haben«. Zu dem Worte »Ausnahmen« ist die Fußnot^

Es folgt hier in ki.rzer Zusammenstellung der Literaturnachweis für die genannten Autoren, a) Halle', Bibliotheca botanica, I, 1771, S. 465. b) Biographie universelle, III. 1811, Art. Bari>a. c) H. v. Bergen, Monographie der China, 1826, S. 77, 90. d) K. Sprengel, Pragmat. Gesch. der Arzneykunde, IV®, 1827, S. 518. e) C. Broeckx, Notice sur R. Storms, docteur en philosophie et en m^decine [Annales de la Socidte myecine_d’Anvc rs, 16« annee. Anvers 1855, p. 5—24]. f) H. Haeser, - -Gesch." der M^izin,_IP, 1881, 5. 422. g) Binz, in Eulenburgs Realencyklopädie der ges. Heilkunde IV*, 1885, S. 1-^4. h) Mannaberg, die Malaria-Krankheiten, Wien 1899, S. 377. i) Ed. Schaer, Geschichte der Pharmakologie und Toxikologie in . der neueren Zeit; diese Abhandlung bildet einen Abschnitt des II. Bandes <1903) des Handb der Geschichte c er Medizin, begr. v. Th. Puschmann, herausgeg. von M. Neuburger und J. Pagel; vgl. S. 575 des zit, Bandes.

*) »II est un des premiers qui ait pr<§conise l’emploi du quinquina febrifuge, dans un ouvrage intitul6 : Vera praxis .... S6ville, 16^2, in 4°«.

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beigefügt: »Dahin gehört das mir selbst nicht zu Gesicht gekommene, aber in der allgemeinen Literatur [dem I. Teil seiner Monographie] aus dem Dict. des Sciences medicales (Paris 1820, t, XLVI, p. 399— 542) zitierte Werk von Barba, Vera Praxis de curatione tertianae etc. Hispali 1642«. Hier wurde also aus einer französischen Quelle geschöpft, hier ist im Titel der Schrift Sevilla latinisiert zu Hispalis. Auf S. 90 tterichtet V. Bergen über deren Inhalt wörtlich folgendes: »Es erschien indessen doch schon im Jahre 1642 in Spanien eine eigene Schrift üder die Fieber- rinde, vielleicht die erste über diesen Gegenstand. Der Verfasser derselben Barba, Prof, der mediz Fakultät zu Valladolid, suchte in derselben über die Heilungsart der intermit,^ierenden Fieber zu belehren und bemühte sich zugleich den Irrtum derer zu widerlegen, welche die Anwendung der China bei den obigen Fiebern tadelten«. Diese Angaben dürften wohl dem gleichen französ. Werke entlehnt sein, obgleich v. Bergen hisr keine Quelle zitiert. . j

Fast gleichzeitig mit v. Bergen und wohl unabhängig von ihm schrieb K. Sprengel: »Ein spanischer Arzt, Peter Barba, Leibarzt des Kardinal-' Infanten Ferdinand, des Statthalters von Belgien und Bruders Philipps IV., schrieb =schon 1642 zur Verteidigung der Fieberrinde und der spanischen Ärzte, die sie empfohlen«.^) Was C. Broeckx 1855 über Barba und seine angebliche Chiuaschrift zu berichten wußte, stimmt fast wörtlich mit den Angaben Sprengels überein. Da Broeckx von Ha es er für das Kapitel der Chinarinde als Quelle angegeben ist, werden wir uns nicht allzusehr ^andern, wenn selbst in der 3. Bearbeitung des Haeserschen Lelirbuches "der Geschichte der Medizin (II, 1881, S. 422) sich der Satz findet: »Die erste den Gebrauch der China empfehlende Schrift verfaßte Pietro Barba«. Auf der folgenden Seite wird nochmals berichtet, es^ sei das Mittel schon 1642 durch Barba in den Niederlanden bekannt geworden. Wenn Binz 1883 schreibt »die erste Schrift über die Rinde scheint die von P. Barba, Professpr zu Valladolid, gewesen zu sein«, so ziehtj er wohl keineswegs in Zweifel, ,daß Barba eine Chinaschrift verfaßt hat, sondern wagt nur nicht mit voller Bestimmtheit zu behaupten, daß es die erste Chinaschrift .war. '

Wie urteilte man in den allerletzten Jahren über Barbas Abhandlung? Mannaberg erwähnt Barba, soviel ich sehe, zweimal. Zunächst nennt er ihn den Verfasser der ersten Schrift über die Rinde, sodann sagt er wörtlich: »Abgesehen von der oben erwähnten Schrift Bar bas sind als

9 Sprengel hat den längeren, aber vielfach fehlerhaften Titel: »Vera praxis ad curationem (sic!) tertianae stabilitur, falsa impugrrantur (sic!), liberantur Hispani medici a calumniis, Hispali 1642. 4«. Dieselben Fehler hat auch Haeser bei Anführong des Titels der ßarbaschen Schrift, wie denn »ad curationem« bei allen folgenden Autoren bis 1903 geblieben ist, ähnlich Druckort und Jahr. •' .

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erste bedeutende Publikationen über die Anwendung der Chinarinde bei intermittierenden und perniciösen Fiebern jene von S3^denham (1676), Morton (1692) und Torti (1712) zu nennen«. Jedenfalls ist damit die »Vera praxis« des Barba als die wichtigste Chinaschrift bis zum Jahre 1676, wenn nicht bis zum Jahre 1712 hingestellt. Von da ist nicht mehr weit zum letzten Schritt, der getan wurde. Ed. Schaer, Prof, an der Universität Straßburg, wird der Aufgabe, in Kürze die Geschichte der China im 17. Jahrhundert zu geben, gerecht, indem er schreibt, die Rinde sei in Europa N^hauptsächlich durch die Bemühungen des Jesuitenordens, insbesondere dek^Ut^rdinals de Lugo, des Pietro Barba, sowie des englischen Mediziners^'RD'bert Talbor’j verbreitet« worden. Bei Barbas Namen wird auf das Literaturverzeichnis verwiesen, in welchem die »Vera praxis« zitiert is^ der Titel einer sonstigen Chinaschrift aus dem 17. Jahr- hundert ist nicht angeführt, Barbas Abhandlung wird demnach als Unicum aus der Chinaliteratur d 6^17. Jahrhunderts herausgehoben. ' Wie verhält es sich nun in Wirklichkeit mit Barba und seiner Abhandlung? Die seltene Schrift, z. B. auch in Graesse, Tresor de Livres Rares aufgeführt, erhielt ich von der Universitätsbibliothek Löwen. Dieses Exemplar bildet mit einer Reihe anderer medizinischen Schriften aus der i. Hälfte des 17. Jahrhunderts einen mäßig dicken Quartband (Sign. Med. 1743). Der voll- ständige Titel lautet: >Vera praxis / de cvratione tertianae / stabilitvr: / falsa impvgnatvr: / liberantvr hispani medici a calvmniis / a doctore / Petro Barba / Regiae Magestatis (sic!) / et serenissimi Hispaniarvm / Infantis Ferdinandi / cvbicvlario medico, / et in Vallisoletana Regia / Academia / olim professore primo«.*) Druckort und Jahr fehlen; das Format ist Klein-Quart; die Schrift zählt mitsamt dem Titelblatt im ganzen 13 nicht paginierte Blätter. Über den Verfasser ist aus bibliographischen Werken kaum mehr zu erfahren, als der Titel seiner Schrift mitteilt; einiges Weitere werden wir aus dem Inhalt und aus der daran sich knüpfenden polemischen Literatur ersehen. Leibarzt Philipps IV. wurde Barba 1621. Als Leibarzt des Kardinal-Infanten dürfte er w^ohl gleichzeitig mit diesem nach Belgien gekommen sein. Sicher ist, daß er im Herbst 1641 in Aire und in Brüssel verweilte und auch zur Zeit der Abfassung seiner Schrift sich noch in Belgien befand. Diese kann, wie wir noch zeigen werden, nicht vor Anfang Dezember 1641 und muß spätestens einige Wochen nach Beginn des Jahres 1642 erschienen sein. Daraus ergibt sich, daß sie in Belgien (also w^ohl in Löwen oder Brüssel) gedruckt wwde. Bei

9 Rob. Talbor, in der Geschichte der Chinarinde während der 70er Jahre des 17. Jahrhunderts nicht wenig bekannt, starb 1681.

Der ganze Titel ist irn Original, abgesehen von der letzten Zeile, in Majuskeln verschiedener Größe gedruckt. .

der Eigenart der Schrift ist es wenig wahrscheinlich, daß sie noch einmal oder gar zweimal (1642 und 1644, wie man angegeben findet) in Sevilla abgedruckt worden sei.*)

Für die Geschichte und Literatur der China ist Barbas vielzitierte Schrift ohne jegliche Bedeutung. Die >Vera praxi ist nicht bloß keine wichtige Chinaschrift, sie ist überhaupt keine China- schrift. Die Chinarinde ist in derselben nicht einmal genannt,- und auch, jedwede Anspielung auf dieses neue Heilmittel der Malaria fehlt. Nach diesem auf eingehende Durchsicht hin abgegebenen Urteil über die rein negativen Beziehungen Barbas zur Chinarinde könnten wir von einer- näheren Betrachtung der Schrift vollständig Abstand nehmen. Doch dürften durch die bisherige Auffassung in der Literatur die folgenden weiteren Ausführungen nicht bloß gerechtfertigt, sondern %uch geboten- erscheinen. . . ^ ~ ^ ~ - V. ^ ^

Barba erklärt schon im Titel deutlich, daß er sich bezw. spanische Arzte verteidigt. Also muß ein Angriff vorangegangen sein. In der Tat war ein solcher an der Löwener Universität erfolgt durch den Pro- fessor der Medizin Vopiscus Fortunatus Plempius und dessen Schüler Martin Soers. Hier hatte Soers zur Erlangung des medizinischen Lizentiates ii Thesen oder Konklusionen über das Tertianfieber unter Approbation des Plempius aufgestellt und am 26. November verteidigt Diese erschienen nach damaligem Brauche gleichzeitig im Druck; es sind 4 Quartseiten.*) Ohne jedweden Beweis werden hier kurz die Anschauungen Plemps d. h. eines Professors, der bezüglich der Malaria voll und ganz der alten Schule huldigte, über Wesen, Symptome und Therapie der verschiedenen Formen des Tertianfiebers* vorgelegt. Es war sicherlich - kein bloßer Zufall, daß der streitsüchtige Plempius gerade diese Thesen zwei Wochen nach dem Tode des Statthalters, der ja an eben dieser Krankheit gelitten hatte, verteidigen ließ. Sowohl die sonst noch zugezogenen Arzte als auch andere Personen aus der Umgebung des Kardinal-Infanten waren nämlich mit der Behandlung des Kranken, welche

Vgl. A ntoni Oj.Bibliotheca Hispana Nova, t II,; Nouv. Biogr. universelle IV. Paris 1853, Sp. 408. Bei Antonio wird Barba als »Medicus Doctor, Pinciae olim huius artis primarius Professor« bezeichnet; Pincia ist die römische Bezeichnung für das spätere Vallisoletum d. h. Valladolid. Bedeutungsvoller ist, daß auch hier zu dem richtig angeführten Titel der Schrift Barbas kein Druckort und keine Jahreszahl beigefügt wird, während dem. Titel einer spanisch geschriebenen Abhandlung Barbas über die Pest hinzugefügt ist »Matriti 1648«. Doch gibt Antonio ausdrücklich zu Barbas >Praxisc folgende Bemerkung: »sed AnimadverSiones in Praxin hanc Vopisci Fortunati Plempi Lovaniiprodieru nt 1642 c. --

Vollständiger Titel des seltenen Schriftstückes: »Repetitio de Tertiana praeside Clariss. Viro Dom. D. Vopisco Fortunato Plempio Medicinae Doct. & Praxis Profess. Repetet Martinus Soers Breensis, Lovanii, 26. Novembr. anno, 1641c.. : . ' - ^ ^

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der spanische Leibarzt Barba anordnete, nicht einverstanden gewesen. Als der Kranke verschieden war, sprach man es überall offen aus, derselbe sei an der barbarischen Behandlung des Leibarztes Barba, nicht an Malaria gestorben. Was herumgesprochen wurde, ließ nun Plempius z. T. in die Thesen aufnehmen, ohne indes den hohen Kranken oder den Leibarzt Barba mit Kamen zu nennen. So wurde in Thesis VIII von den »Iberi medici« gesprochen und mit deutlicher Anspielung auf Barba behauptet, wer in bestimmter Weise handle, »aegrum occidit et id tarn in Iberia ipsa quam in hisce provinciis«, und in Thesis X ist mit unverkennbarer Beziehung auf denselben Barba gesagt »indignus est medici nomine etc.* Wie sich die Disputation selber am 26. November des näheren gestaltet hat, darüber fehlt es an Mitteilungen. Schon die Fassung der Thesen und ‘deren Verteidigung durch einen angehenden Lizentiaten stellte aber den königl. Leibarzt und ehemaligen Professor Barba so bloß, daß er zu einer Abwehr fast gezwungen waiv^ Barba sieht mit Recht weniger in Soers als in Plempius den eigentlichen Gegner. Im ersten Teil seiner Verteidigungsschrift beschäftigt er sich besonders mit den beiden bereits erwähnten Thesen VIII und X, die er als Verleumdungen der spanischen Arzte bezeichnet. Form wie Inhalt .verraten auch bei Barba ganz die ajlte Schule. So ist ein hauptsächlicher Streitpunkt nicht die Zulässigkeit des Adeilassens überhaupt bei der Tertiana, sondern unter welchen Umständen und wie oft dasselbe zu erfolgen bezw. wann es zu unterbleiben habe; Plemp und die anderen einheimischen Ärzte warfen dem Spanier vor, daß die stets wiederkehrende Blutentziehung dem Kardinal/lnfanten sozusagen alles Blut und damit das Leben geraubt habe.-*) Auf den letzten fünf Blättern seiner Abwehr gibt Barba zur Rechtfertigung seines Verfahrens eine Schilderung des ganzen Krankheitsverlaufes von seiner Ankunft bei dem Kranken in Aire bis zu dem in Brüssel erfolgten Tode. Dieser, selbst nach Bar bas Darstellung! einer Tortur ähnliche Krankheitsverlauf paßt übrigens als dunkles Gegenstück vortrefflich zu der eben eingeführten Chinarinde. Durch sie Segen und Gesundheit, ohne sie Qual und Tod! Wir haben hier auf die deschichte der Krankheit nicht näher einzugehen. Für den Gebrauch derj Chinarinde ist in der ganzen Behandlungsweise gar keine Möglichkeit gelassen. Es interessiert uns aber durch Barba zu erfahren, daß auch Joh. Jak. Chifflet, der zehn Jahre später den malariakranken Statthalter Erzherzog Leopold Wilhelm notgedrungen und gegen seinen Willen mit Chinarinde behandeln mußte, zusammen mit Barba am Krankenbett des Kardinal-Infanten anwesend war.

q Bei Wurzbach 1, c. wird gesagt, daß Ferdinand als »ein Opfer der Unwissenheit spanischer Ärzte durch die zahllosen Adeilässe . . . der Monarchie und den Niederlanden am 9. November durch den Tod entrissen wurdet,’ . - ^ - --

^ ; •• ' \

Cbifflet und Pie mp sind es ja, die im folgenden Jahrzehnt als die Hauptgegner der Chinarinde auftraten. Auch Barba wäre nach . dem ganzen Geist, den seine Schrift atmet, gegebenen Falles nicht etwa für, sondern in verstärktem Maße gegen die Rinde gewesen.

Wie konnte aber, so müssen wir doch schließlich fragen, der große, langandauernde Irrtum über den Charakter dieser Schrift überhaupt ent- stehen? Der einzige Anlaß dürfte der Titel von Barbas Broschüre sein: >Vera praxis de curatione Tertianae«. Sind diese Worte, als Titel crewählt gerade zu der Zeit, da die Chinarinde in Gebrauch kam, nicht verführerisch für die Forscher einer späteren Zeit? Wie naheliegend ist die Annahme, daß eben^ nur die Chinapraxis diese vera praxis'^i! Und über das Titelblatt hinaus ist der Gelehrte, welcher in Barbas Schril die älteste Chinaschrift entdeckte, wohl nicht vorgedrungen. Aus dieser ersten Entdeckung werden alle übrigen Schriftsteller unmittelbar oder mittelbar ihre gelehrten Angaben über die Verleidigungschrift der China- rinde herjeiten. Es gereicht ihnen in etwa zur Entschuldigung, daß Barbas Schrift sehr selten ist. Möge die Fabel nun endlich als Fabel angesehen- werden, möge definitiv aus den Verzeichnissen der Chinaliteratur ver- schwinden, was nie in dieselben hätte Aufnahme finden sollen. .

Doch wir sind mit dem 2>Fall Barba« !noch nicht zu Ende. Er

1

rief im Jahre 1642 eine ganze Literatur hervor, die allerdings gegenwärtig eben so wertlos wie selten ist.') Aber auch in dieser ausgedehnten

b Außer den 2 Schriften von Soers und Barba sind mir noch folgende 5 bekannt geworden: a) V. F. Plempii animadversio in veram praxim curandae tertianae, pro- positam a doctore Petro Barba, Regiae Majestatis & Serenissimi Hispaniarum Infantis Ferdinandi (luge Belgica) cubiculario Medico etc. Lovanii, T;y^is ac Sumptibus Jacobi Zegeri Anno 1642. Permissu Superiorum. Mit dem Titelblatt 49 paginierte Seiten. Am Schluß die Approbation vom 20. Febr. 1642, womit der evidente Beweis geliefert ist, daß Barbas Schrift Ende i64i oder ganz im Anfang 1642 erschien und zwar in Belgien. b) Erici Mohy Tertianae Crisis. Qua DD. Petri Barbae Protomedici praxis curandae Tertianae & V. F. Plempii -Professoris Lovaniensis Primarii animadversio discutitur, ac legitima demum Tertianae curatio exponitur .... Ohne Druckort imd Jahr, aber von 1642 (cf. c!), 15 S. in 4®; diese Schrift hat Barbas und Plemps Broschüren zur Voraussetzung und wird wieder bekämpft in: c) Martini Soers, Medicinae Licentiati, Stricturae in ceritum quendam Eburonem inconditum blateronem, controversiae de cu- randa tertiana inter DD. Petrum Barbam et. V. F. Plempium agitatae Judicium ay.gna>s exercentem et pronuntiantem. Lovanii, T. ac S. Jac. Zegeri a. 1642. d) Antithesis ad repetitionem de Tertiana pro medicina Iberorum. Auctore Christophoro Diatristan de Acuna., Sardoae legionis medico ordinario. Ohne Drucke^ o. Jahr, aber ebenfalls 1642 in Belgien gedruckt, li Quartseiten Text ohne selbst. Titelblatt; gegen diese Schrift kämpft an: e) Adsertio Thesium de Tertiana Lovanii 26. Nov. a^. 1641 publice in Academia propositarum et defensarum adversus adhov cuiusdam Antithean, auctore M. Soers.. .• Lovanii apud Jac. Zegers a. 1642, 16 pp. 4°. Diese Schriften sowie die Ausgangsschrift für die ganze Polemik, die Thesen Soers’, sind im Besäze der kgk Bibliothek in Berlin (Sammelband: Ja 88). Die Abhandlung Barbas hingegen fehlt in diesem Band.

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Tertiana-Literatur ist mit keiner Silbe der Chinarinde gedacht. Etwas seltsam mag dies immerhin erscheinen, namentlich in x\nbetracht der bald zu erwähnenden Tatsache, daß das neue Heilmittel um diese

Zeit in den Niederlanden wirklich in Gebrauch war.

Aus dieser Literatur haben wir indes ihres Verfassers und ihres angeblichen Inhaltes wegen die Schrift des Professors Plempius noch- kurz eigens zu berücksichtigen. Plempius trat allerdings pseudonym' 1655 in schroffster Weise gegen die China auf. Wenn nun seit langem, wie wir sahen, die Schrift Barbas über die Tertiana als die erste Schrift ge-'^ priesen wird, in welcher der Gebrauch der China empfohlen sei, was liegt da näher für einen findigen Kopf, als die Entdeckung, daß Plemp nicht erst 1655, sondern schon 1642 in seinem Anti-Barba gegen die China- rinde zu Felde zog! Schrieb Barba für die Rinde, so muß sein Gegner eben gegen die Rinde geschrieben haben. Der Beweis ist fertig, ein Ein-" blick in Plemps Schrift erscheint überflüssig, zumal dieselbe ebenfalls sehr selten ist.') Auf diesem oder einem ähnlichen Wege hat C. Broeckx (oder ein Vorgänger) tatsächlich die genannte Entdeckung gemacht. Er berichtet von Plemp: »Dans un ouvrage intitule: Animadversiones (Plemp hatte geschrieben: Animadversio) in veram praxim . .i . . Louvain, 1642, in 4°, il s’etait dejä declare l’adversaire du quinquina. En 1655, son aversion pour l’emploi du nouveau rem^de, loin de diminuer, avait encore augment^ au point quül entra de nouveau en lice.«^) Aber der Antwerpener Arzt C. Broeckx irrt vollständig mit dieser Behauptung, ebenso Haeser, welcher dieselbe (1. c., S. 424) in gekürzter Fassung wohl von jenem entlehnt hat. Plemp hat vor 1655 nichts gegen, die Chinarinde

geschrieben.

Trotzdem mögen noch einige Worte über Plemps Schrift vom Jahre 1642 folgen, damit wir von dem späteren Chinafeind und dem derben Polemiker Plemp einen kleinen Vorgeschmack erhalten. Der 40jährige Professor regius v. Löwen bringt Barbas Schrift Abschnitt für Abschnitt zum Abdruck und behandelt den königlichen Leibarzt imd ehemaligen Prof, primarius von Valladolid in den beigefügten Glossen mit bitterstem Spott und Hohn; seine Kritik mag sachlich z. T. sehr berechtigt gewesen sein, die Form ist höchst beleidigend. Das Beleidigende wird eher gesteigert als gemindert durch die Bemerkung Plemps, er sei derartigen Streitereien »abhorrentissimus«, er werde deshalb schreiben »ßatavica lenitate ac comitate, a Cicerone itidem edoctus, omnem animad-

h Sie findet sich weder in der Universitätsbibliothek Löwen, obgleich Plemp hier Jahrzehnte hindurch Professor war, noch in der kgl. Bibliothek in Brüssel, desgleichen nicht in zahlreichen anderen großen Bibliotheken. Wie angedeutet, benützte ich das Exemplar der kgl. Bibliothek in Berlin. ' ! .

*j Notice sur R. Storms, docteur en philosophie et en medecine. (Annales de la Societd medecine d’Anvers, 16^ ann^e, Anvers 1855, p. 5 24. Die zkierte Stelle S. 9.) Wir haben später noch weiterhin auf den oberflächlichen Charakter dieses Aufsatzes hinzuweisen, der leider bei Haeser eine HauptqueUe für die älteste Geschichte der Chinarinde ist. ^ . i* * - ' v '*

versionem et castigationem contumelia vacare debcre«. vSchon auf dem Titel beginnt der Spott durch Einfügung der Worte: »luge Belgica«. Fast auf jeder Seite des Textes wird dem Spanier Barba außer Unwissenheit in Medizin und Logik barbarisches Latein vorgeworfen. Als Probe kräftiger Schreibweise Plemps sei der Schlußsatz seiner Schrift angeführt: »Tu Petre Barba, per me licet, in foedp barbariei tuae ac soloecismorum coeno lutoque aetatem volutare. Vale«. Wir ahnen, was erwarten ist, wenn dieser Kämpe gegen die Chinarinde zum Schwerte greift. . - - '

Die Komödie der Irran^en bezüo:lich der ältesten Chinaliteratur ist noch nicht zu Ende. Prof. Celli läßt, wie oben S. 29 mitgeteilt wurde, im Jahre I670 den Kardinal de Lugo mit einem Dekret für die Rinde eintreten. Hat wirklich de Lugo, wenn nicht 1670, so doch vielleicht' in ^r Zeit von 1643 ein solches Dekret veröffentlicht? Celli hat nicht . bedacht, daß es kirchenrechtlich keinerlei Dekrete gibt, welche ein Kardinal als solcher verfassen und promulgieren kann. Demnachhat ein Dekret des Kardinals de Lugo über die Chinarinde nie existiert.' Selbstverständlich hätten sich auch die Chinaschriftsteller jener Zeit ‘damit befaßt; vor allem Seb. Bado hätte es in seiner »Anastasisc abgedruckt Doch weder bei diesem noch sonst findet sich die leiseste Andeutung.. Wir besitzen zwar ein Schriftstück de Lugos über die Chinarinde i soviel bekannt, nur dieses eine aber dasselbe ist kein Dekret, sondern ein am 4. Oktober 1659, ^^so wenige Monate vor dem Tode des Kardi- nals, geschriebener kurzer Privatbrief an Seb. Bado. '

Die zweite Chinaschrift des Genuesen Sebastian Bado, Anastasis Corticis Peruviae * * (1663'), hat 20 nicht paginierte Blätter vor dem eigentlichen Text. Auf dem 13. Blatt' findet sich als Titel : »Exhibentur clarorum virorum testimonia in Chinae commendatioriem et huius libri scriptoris«. Bado beginnt mit dem Abdruck eines Briefes des Kardinals/ de Lugo, den er mit den Worten einführt: »Epistola Sapientissimi et Emin. Dom. Joan. Cardinalis de Lugo, Theologorum huius aevi Antesignani«. Wir erhalten das italienische Original und die durch Bado angefertigte lateinische Übersetzung. Der Brief ist meines Wissens seit 1663 nicht mehr vollständig zum Abdrucke gelangt, obgleich er öfters zitiert wurde. Nur den Schlußsatz, in dem über den Mangel an Rinde und über deren Verfälschung gesprochen wird, hat Bffker in seiner schon früher zitierten Abhandlung' wörtlich abgedruckt.9 Es sei deshalb der vollständige Brief hier in italienischer Sprache wiedergegeben: »Illustre e molto eccellente Signore. Non prima di questa settimana mi e stata resa l’Operetta di V. S, e la lettera che l’accompagna, bench^ data ella fosse il mese di Maggio del 56.-) alla stima, che lor doveasi, la tardanza in me non ha . punto pregiudicato, veduto con particolar mio gusto, dal valor suo cosi ben difeso ^ nella veritä il merito della Corteccia del Peru, e godo insieme, che la stessa apologia vaglia da se medesima ä rififletter, nelP ingegno del proprio Autore, il premiq_dijnolta lode. posso ben aggiungere ä V. S. che l’esperienza alla giornata grandemente ,asr- siste al suo proposito,- mentre qui i Signori Medici indistintamente adoperano la Corteccia

b Medical Transactions, London 1785, S. 183 Anmerkung.'

*) Der Satz bezieht sich auf die 1656 in Genua erschienene erste Chinaschrift des>^ Seb. Ba(l)do. Vielleicht war es die 1656 besonders stark in Genua ausgebrochene Pest, welche die schon' damals beabsichtigte Übersendung der Schrift bis zum Herbst 1659 verzögert hat. Es sei hier kurz bemerkt, daß der nämliche Verf. in der Schrift v. 1656 ' sich Baldus (it Baldo) imd in der von 1663 sich Badus (it. Bado) genannt hat _ .

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in Quartane, Terzane intermittenti, et etiandio nelle febri continue, e ne veggono meraviglie. V'e ben di male, che per l’uso introdotto cosi frequente, ella in Roma comincia ä mancare, e quella che potra correre per via di venalitä, non quanto sia per salvarsi da’ pericoli di esser adulterata, come d'altri preziosi e stranieri medicamenti ^ solito d’avvenire. A V. S. nel resto io do grazie dell’ elegante suo dono, e me l’offero con pieno affetto. Di Roma li 4, d'Ottobre 1659. AlTetlionatissimo di V. S. II Cardinal di Lugo.

Sollte es mit einem römischen Dekret über die Rinde seine Richtigkeit haben, so werden wir uns an eine höhere Stelle, etwa an eine Kongregation de Lugo war ja Mitglied von wenigstens drei Kon- gregationen und konnte event. ein solches Schriftstück erwirken wenden müssen. Aber eine kirchliche Kongregation zur Prüfung von neuen Arzneimitteln I hat es in Rom meines Wissens nie gegeben. Also handelt es sich gar um ein durch Kardinal de Lugo vorgeschlagenes päpstliches Breve? Laisen wir uns zunächst etwa durch Flückiger (Pharmakog- nosie 1891, S' 577), in die damaligen Verhältnisse an der Kurie einführen. Es trat :!> entschieden zu Gunsten der Rinde auf: der Jesuit Honoratius Faber Fonseca, Leibarzt des Papstes Innozenz II « Man staunt, die China- rinde und dit Jesuiten schon in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts, vor der Entdeckung Amerikas in Rom anzutreffen. Innozenz II. regelte 1130 1143. In dieser fernen Zeit ist es wohl auch gewesen, daß die päpstlichen Leibärzte Jesuiten waren! Der Satz Flückigers sollte etwa folgende Fassung erhalten: Es traten entschieden zu Gunsten der Rinde auf: Gabriel Fonseca, Leibarzt des Papstes Innozenz X., Kardinal de Lugo und i()55 auch der in Rom lebende französische Jesuit Honore Fabri.^) Ich >Arzt in Ront

de Lugo sich ein Urteil üb der Papst In

b Daf5 F) Druckfehler ; tatsächlich in bleibt aber aus dem ein

das ]'] beste Tei

bemerke, daß Ha es er den Onorato Fabri wenigstens zum stempelt, was ebenfalls unrichtig ist. Fabri sagt selber wiederholt, daß er kein Arzt sei. j

Hat nun Innozenz X. (1644 1655) Breve zur Empfehlung der

Chinarinde erlassen? Selbst nach neueren Darstellungen soll Kardinal bei Innozenz X. bemüht haben, um eine Untersuchung und er die Rinde zu erhalten. »Auf seine Verwendung befahl nozenz X., daß die Natur und Wirkung der China genau untersucht wjerden sollte«. So v. Bergen S. 91. Tatsächlich erfolgte auch eine Untersuchung der Rinde durch den j.äpstlichen Leibarzt Gabriel Fonseca. Aber damit ist noch nicht bewiesen, daß diese Untersuchung auf eigenen Befehl des Papstes erfolgte und daß es nach dieser Unter- suchung zu einem päpstlichen Breve kam, wie früher behauptet wurde und auch in neuerer Zeit wenigstens in populären Schriften noch erzählt wird.

ückiger schreibt: »Honoratius Faber Fonseca« ist augenscheinlich ein Komma nach Faber ist ausgefallen. Die Lesart mit Komma findet sich ückigers Monographie Die Chinarinden, Berlin 1883, S. 65. Dabei hen, daß beide Lesarten, die von 1883 und die von 1891, in dem Satze, il oben zitiert wurde, 6 sachliche Unrichtigkeiten enthalten, _ ;

Ein ^derartiges päpstliches Schriftstück, sei es vom Jahre 1649 es aus einer anderen Zeit, hat es nie gegeben. Die Beweise für diese Behauptung sind folgende. Einmal ließ sich trotz alles Suchens ein päpstliches Dekret oder Breve über die Rinde nicht auffinden. Nirgends bringen die in Betracht kommenden Aktensammlungen auch nur eine Spur eines solchen Schriftstückes. Auch kein einziger Freund und Ver- ; teidiger der Chinarinde in dieser ältesten Periode, weder Fabri noch . Bado noch Storms, kennt oder erwähnt ein solches Dokument. Schon

diese negative Tatsache ist für sich ein durchschlagender Beweis. Denn ..

diese Verteidiger der Rinde hatten gute Verbindungen mit Rom oder ^ebten gar in Rom. Alle waren bestrebt, Äußerungen hervorragender •- "^Personen über die Rinde in ihre Schriften aufzunehmen. Bado geht in der »Anastasis« alle Würden und Rangstufen in Staat und Kirche durch ' und findet überall Lobsprüche für die Rinde; einen Papst führt er aber nicht an. An einer anderen Stelle gibt er an, welche hervorragenden - Männer sich in^Rom, »der Hauptstadt der Welt«, für die Rinde ausge- ;■ sprechen; einen Papst nennt er auch hier nicht. Die Annahme eines . ' Breve wird endlich durchaus hinfällig, weil sich leicht zeigen läßt, wie j ' man zu einer solchen Meinung gekommen ist. Die Lösung ergibt sich | . schon aus der Schrift Honore Fabris vom Jahre 1655; man hat das ' Gutachten des päpstlichen Leibarztes Fonseca in ein Gutachten ' des Papstes umgewandelt. Hon. Fabri schreibt 1655, er kenne mehrere j - römische Arzte, »qui pulveris usum aegris suis non modo permittunt, ; ' verum etiam praescribunt; unus ad instar omnium erit clarissimus D. *' Fonseca, Archiater Pontificis, quem honoris causa nomino, qui pulveris huius naturam et indolem, hortatu Eminentissimi Cardinalis de Lugo, dili-‘> . gentissime indagavit et propriis experimentis edoctus, non modo- illum innoxium, sed etiam saluberrimum esse pronuntiavit.« Der letzte Teil dieses Satzes wurde später einfach als Stelle des päpstlichen Breves zitiert.') Ja aus den Worten Fabris, die hier allein als Quelle in Betracht . kommen können, da alle übrigen unmittelbar oder mittelbar aus ihm geschöpft haben, ergibt sich, daß wir nicht einmal wissen, ob de Lugo .

9 Wie solche Irrtümer entstehen, ersieht man 2. B. bei G. Baker (Medical Transactions, III, 1785, S. 177 f.). Dieser gibt in einer Anmerkung ganz richüg die durch Bartholin 1661 in den Hist. anat. veröffentlichte Stelle wieder: »Archiater Pont. ^ Max. Lnnocentii X pulveris naturam et indolem, suasu Cirdinalis de Lugo, diligenter 1 indagavit et propriis experimentis edoctus, non innoxium solum, sed etiam saluberrimum esse deprehendit«. (Man beachte die Übereinstimmung mit Fabri!) Im.Texte aber schreibt er lediglich auf Grund dieser Stelle: »Nor was the supreme powerof the Roman church unconcemed in removing from men’s minds ttfaeir doubts and apprehensions with respect to the safit}’^ and the efficacy of the bark. For Innocent the tenth . , , ordered that the nature and effects of it should be exaraimed«. .

54"

irgendwie wegen des Heilmittels mit dem Papste Rücksprache genommen habe. Es ist wenig glaublich, daß dies vor der Untersuchung durch Fonseca geschah; eher ist denkbar, daß ein Bericht an den Papst nach den gün- stigen Resultaten mit der Rinde erfolgte. Wie auch Fabri andeutet, wird de Lugo. sich unmittelbar mit dem päpstlichen Leibarzt in Verbindung gesetzt und dieser wird dem Kardinal, nachdem er die Rinde untersucht und bei Malariakranken in Gebrauch genommen hatte, sein Urteil zu- orestellt haben. , ' ,

o

Daß durch Fonsecas Gutachten »wenigstens in Rom alle medizinische Opposition ein Ende« hatte, wie v. Bergen meint, ist zu optimistisch geurteilt. Freilich schreibt jauch Baker 1785 ebenso entschieden: »When the Pope’s first ph}^sician (whose power in whatever relates to medicine is unlimited) had reported, thiit it was both innocent and salutary, all medical

Opposition to it ceased«. (S, Arzte nicht; zudem haben

178.) So gebunden waren aber die römischen wir Beweise, daß nicht alle dortigen Arzte in

der Zeit 1650 60 für die Rinde waren. Eine Vorstellung, wie und wes-

halb es überhaupt zu einer erhalten wir durch den D S. 87), der berichtet, w^

solchen Untersuchung der Rinde in Rom kam, elfter Arzt R. Sturmius (Chinaschrift 1659 I, zur Zeit seines römischen Aufenthaltes, bezüglich der Einführung neuer Heilmittel in Rom Brauch war. »Auctoritas ipsis (Romanis medicis) tanta est, ut nihil in Urbe divendi possit medicamenti- titulo, quod Protomedico prus non fuerit oblatum. Et quidem si res fuerit maioris consequentiae vel difiicultatis, ab ipso non approbatur priusquam

ab Examinatöre serio fuerit

meo tempore exactissime obse rvata« ; Protomedicus sei damals Nik. Rentzius

Examinator Paului; Zacchias.

Die Ausführungen des klärung über die angeblich

o o

Frage nahe, welches denn

inquisita. Haec scio Romae esse statuta et

IV. Zur Frage nach der ältesten Cfiinascfirifl.

vorausgehenden Abschnittes, vorab die Auf- älteste Chinaschrift Barbas, legen wohl die die älteste echte Chinaschrift* sei. Diese Frage kann einen mehrfachen Sinn haben. Wir haben alte Schriften, welche die Rinde ganz kurz in einer Zeile oder einem Satze erwähnen, ferner solche, jwelche der Rinde ein Kapitel oder einen längeren Abschnitt widmen, endlich Schriften, \relche in ihrem ganzen Umfang lediglich über die Fieberrinde handeln. Demnach kann man fragen: Welches ist die erste Erwähnung der Rinde? Welches ist die erste ausführlichere Besprechung der Rinde? Welches ist die älteste' selbständige Schrift über die Rinde? Bekanntlich wurde die Rinde sehr frühzeitig angegriffen und verteidigt; wir können 2 Iso auch forschen nach der ältesten Angriffs- und nach der ältesten Verteidigungsschrift Die Rinde gelangte ferner

Fragen, sondern

erst, nach und nach in die verschiedenen Länder Europas ; es ergibt sich mithin die weitere Frage, in welchem Jahre in den einzelnen Ländern die Literatur über die Chinarinde einsetzte. Endlich wäre zu beachten, wann diese ältesten Berichte über die Rinde niedergeschrieben und wann sie durch den Druck veröffentlicht wurden; bei Abhandlungen konnte in jener Zeit, wo man es mit dem Druck nicht immer sehr eilig hatte, schon eine Differenz von einigen Jahren entstehen, und bei Briefen es gibt deren eine große Anzahl in der alten Chinaliteratur erfolgte oft erst Jahrzehnte nach deren Abfassung die Veröffentlichung, wenn sie über- haupt veröffentlicht wurden. .

Im folgenden soll nicht eine ausführliche Beantwortung all dieser nur ein kurzer Überblick der ältesten Chinaliteratur unter Berücksichtigung obiger . Fragestellung, indes ohne weitere sachliche Würdigung versucht werden. Wie die Art unserer Gruppierung nicht einem anderen Werk entnommen ist, so beruhen auch alle Angaben auf' selbständigen Studien der zitierten Schriften.^)

Die sogenannte Schedula Romana d. h. eine in italienischer' Sprache gedruckte Gebrauchsanweisung, welche von den römischen Apo- thekern dem Käufer der Droge mitgegeben wurde, ist jedenfalls die älteste selbständige Chinaschrift. Die erste uns bekannte Form dieses Zettels wird dem Jahre 1651 2 ugeschrieben. Ein Originalexemplar der Schedula besitzen wir nicht; doch wurde sie mehrmals schon vor dem Jahre 1660 in den Chinawerken lateinisch oder italienisch abgedruckt. Es ist nicht ausge- schlossen, daß es bereits einige Jahre vorher einen ähnlichen Zettel mit etwas verschiedenem Wortlaut gegeben hat. Sieht man von diesem kleinen Schriftstück ab, so steht an der Spitze der selbstständigen Chinaschriften das 1653 in Belgien gedruckte Werkchen des von Besan^on stammenden, aber seit Jahren als Leibarzt am Brüsseler Hofe weilenden Joh. Jak. Chifflet. Damit wurde zugleich die Reihender selbständigen Schriften, welche gegen enen sind, eröffnet. Als Antwort erschien 1655 die erste Schrift; diese ist zugleich die erste in Rom und in. Italien gedruckte Chinaabhandlung, hat aber ebenfalls einen Verfasser, P. Honore Fabri. Fabri schrieb unter ,dem_

die Rinde ersch Verteid igungs gearbeitete und

Franzosen

zum

seudonym Antimus Conygius; seine Apologie ist die erste und

meines Wissens; einzige selbständige Schrift, welche von einem Je-

,trat noch 1655 ist der erste N

^knappen Zusamm«: AVerkc. Die sp

Suiten über die >Jesuitenrinde« veröffentlicht wurde. Gegen Fabri

Plempius auf, der sich Melippus Protimus nannte; es ederländer (geboren in Amsterdam) und der erste Pro-

fessor der Medizin, der gegen die Rinde Stellung nahm. Aber auch

Eine aus führliche Angabe des Titels der zitierten Schriften dürfte bei dieser

nfassung entfallen können; man vergleiche Flückiger und ähnliche anische Literatur ist auch hier in keiner Weise mit herangezogen.

S6

Plempius fand rasch seinen Gegner; her

eits 1656 veröffentlichte der Ge-

nuese Sebastiane Ba^l)do gegen ihn S(dne erste Chinaschrift. Er tritt

zuerst unter den praktischen Ärzten mil ein und zwar nach einer sehr aus^ede

dieser Apologie für die Rinde inten Erfahrung. Haben wir

damit die erste Chinaschrift eines Italieners, so bringt im Jahre 1657

Wolfgang Hoefer, ein geborener Bayer

und Oberöster ' ‘-'ch und später Leibarzt des Kaisers, die erste Erwähnung

Ahen gedrucktes Werk »Flercu- der Wechselfieber einen Bericht Glantz aufgenommen, der eine Derselbe Glantz hatte freilich js Regensburg, den er als Dank- ichrift an Chififlet gerichtet, von prochen 'und gegen die Rinde 5 von Plempius in 'seiner China- en sogar aus Österreich eine 1653 gedruckt und wahrschein- geschrieben .worden ist. Es ist

der Rinde für st erreich. In sein zu les medicus-i hat er bei Behandlung des kaiserlichen Leibarztes Joh. Gregoriu kurze Bemerkung über die China enthält schon in einem Briefe vom 5. Mai 1653 a schreiben für die Übersendung der China seinen Erfahrungen mit der Rinde ges Stellung genommen; dieser Brief war 165 Schrift veröffentlicht worden. Wir hat Äußerung über die Rinde, welche schon lieh noch gegen Ende des Jahres 1652 der in Chifflets Schrift vorhandene Hinwbis auf einen Brief Kaiser Fer- dinands III. an seinen malariakranken Bruder, den Erzherzog Leopold Wilhelm, in Brüssel.^) Im Jahre 1659 sende Chinaschrift des in Löwen geboren Arztes Rol. Sturmius (Storms); wir haben in ihr den ersten Versuch der medizinischen Fachwissenschaft, mit positiven Darlegungen das schwierige Problem der Wirkungsweise Freilich war auch hier ein Nichtarzt, ein j Physiker«, Vorläufer, da schon ^']^fabri 1655 diesem Punkt ein ganz ausgezeichnetes Kapitel seiner China- ' Schrift gewidmet hat, wie auch Storms Anerkennt. Durch des letzteren Werk wurde auch die erste selbständige! Chinasdhrift veranlaßt, welche im Gebiete des heutigen Deutschland erschienen ist. Am 13. Februar 1663 legte nämlich der Schlesier Christoph Roth man n der medizinischen Fakultät in Leipzig die Schrift »Antiquartii Peruviani Historia« als These vor. Dieselbe ist vorab unter Benützung des Sturmius und jedenfalls auch unter Beihilfe seines auf dem Titel erwähnten Lehrers P. Ammann ausge- arbeitet worden. Auch für Frankreich scheint, wenn wir von dem schon 1653 in Paris erfolgten Nachdruck der Schrift Chifflets absehen, eine ähn- liche These die erste veröffentlichte selbständige Chinaschrift zu sein. Während Rothmann für die Rinde eintrat, spricht sich freilich diese »Quae-

*) Bei Chifflet S. 17 findet sich folgende Stelle: »Augustissimus Imperator Ferdinaudus III., eins (sc. Leopoldi Guilelmi) frater, ipsi per litteras ex intimo amOris sensu significavit, se nuUo modo probare usum illius pulveris«. Mehr ist -über diesen Brief nicht bekannt ' -

etwa seit 1640 Arzt in Nieder-

erschien die zwei Teile umfaß- en und in Delft praktizierenden

stio medica«, welche am 3. Februar 1656 zu Paris >in scholis medicorum M. Daniele Ar.binet, Doctore Medico preside« von dem Pariser Franz Bovionier verteidigt wurde, gegen die Rinde aus; diese These ist so- gar von neun zur Disputation kampfbereiten Ärzten unterzeichnet. Es ist interessant, daß im Gegensatz zu den Parisern, welche ihre ablehnende Haltung gegen die Rinde vor allem mit der Hochschätzung des Alther- ' gebrachten und der alten Schule begründeten, der venetianische, in Rom oreschulte Arzt Gaudentius Brunaci es 1661 in einer eigenen Schrift »De Cina Cina« versucht hat, das neue Heilmittel durch die Lehre der alten Schule zu begründen. Wie manche andere Ärzte, so machte auch der Engländer Thomas Willis in seiner Stellung zur Rinde einen auf- fälligen Wandel j durch; als er 1659 »Diatribae duae ‘Medico-Philo-

söphicae« zuerst von den englischen Ärzten die Rinde erwähnte, hielt er noch nicht viel' von derselben. Vor den Ärzten machten die Londoner Apotheker das neue Heilmittel in England öffentlich bekannt. Die alte eng- lische. Wochenschrift »Mercurius politicus« eröffnet im Jahre 1658 die lange Reihe von Zeitungen und Zeitschriften, welche seitdem über die China berichtet haben: in vier Nummern dieses Jahrgangs findet sich eine An- kündigung, daß das ärztlich geprüfte und gut geheißene Jesuitenpulver, »the excellent PDwder known by the name of thejesuits Powder«, in ver- schiedenen Londoner Apotheken zu haben sei.^) Ältere Literaturangaben über die China scheint es für England nicht zu geben; dies mag in etwa auffallen, da sich für andere nördliche Länder solche schon früher finden. So berichtet z. 13. der Arzt Heinrich v. Moinichen am 25. Juni 1654 von. Schleswig seinem Lehrer Thomas Bartholin in Kopenhagen, daß Joel Langelottus in Gottorp, Leibarzt des Herzogs von Holstein, ihm über die Rinde Mitteilungen gemacht habe. Freilich wurde dieser Brief erst 1663 von dem Empfänger veröffentlicht,*) nachdem schon 1661 der- selbe Bartholin in einem zu'* Kopenhagen erschienenen Werke einen längeren Bericht über die Rinde gebracht hatte.®) In dem letztgenannten - Werke ist die erste Abbildung -des Chinabaumes veröffentlicht;} Bartholin hatte das Bild aus Rom durch Hieron. Bardi unter Vermittlung des oben genarnten H. v. Moinichen, der von 1655 bis 1660 in Rom und JtaJien_ weilte, erhalten^- . '

*) Die Numnem 422, 426, 439 und 545 bringen die Anzeige; der Wortlaut ist nicht völlig gleichlautend; die erwähnten Nummern fallen in die Zeit vom I, Juli bis . Mitte Dezember d. h. in die Jahreszeit, welche vor allem die Malaria bringt; das Jahr 1658 brachte für London sogar eine Epidemie. Nr. 545 hat das Original lediglich durch einen Druckfehler statt 446. Das Exemplar des Merc. polit. in der Bibi, des britischen Museums wurde eigens für diese Angaben verglichen. -

*) Bartholini s, Epistolae medicinales, cent. II, ep. 42. . .

•) Bartholiniis, Hist, anatoraicae et medicae, cent V und VI, S. 107— 116,' . - -

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Bis jetzt haben wir, abgesehen von der Schedula Roriiana, nur Schrif- ten, welche erst mit dem Jahre 1653 einsetzen. Das gilt auch, wie wir oben sahen, von der Broschüre Castellis, welche unter den italienischen Schriften zuerst die Rinde erwähnt. Nur mit einer Einschränkung kann ein anderes italienisches Werk früher angesetzt werden. Die 1656 zu Bologna erschienenen :s>Noctes geniales« des Arztes Giov. Nardi lagen bereits am 28. Februar 1652 der 'Zensurbehörde fertig vor. Nardi. starb während des Druckes. In >Nox sexta« finden wir (S. 445 449) einen Ab- schnitt mit dem Titel: :&De nupero Sinensi (sic) Cortice alexipyrethro.« Die frühe Abfassung dieser Stelle ergibt sich auch daraus, daß von Nardi keine andere Chinaschrift zitiert wird..; *. / ^

I\Iit all diesen Schriften kommen wir nicht in' die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts. Sollte die Chinaliteratur nicht so weit zurückreichen'? Es gelang mir, eine Erwähnung des neuen Heilmittels in der Literatur bereits vom Jahre 1643 aufzufinden. v ^

^ Die Schrift, um welche es sich handelt, ist verfaßt von dem Arzte

Hermann van der Heyden. Sie dürfte gegenwärtig ziemlich selten sein.’) Ich erhielt dieselbe von der Universitäts-Bibliothek Löwen. Widmung, Vor- wort und die dem Verfasser Von dem Arzte Joh. Stullius gewidmeten Verse umfassen mehrere nicht paginierte Blätter. Die Abhandlungen des Verfas- sers samt einem längeren Anhang füllen 182 Quartseiten. Am Schluß des Ganzen findet sich eine Approbation, datiert vom 13. Februar 1645. Gemäß dieser enthält das Büchlein »curiosos iuxta ac utiles discursus et tractatus medicos, longa experientia per virum expertissimum D. Hermannum van der Heyden Medicinae Doctorem probatos et rationibus suffultos.« Im Vorwort belehrt uns der Verfasser über seine Absicht. Die Schrift soll sich vor allem an das Volk wenden und die öffentliche Gesundheits-

I

pflege befördern. Wie in der Widmung betont wird, glaubt sich van der Heyden zu einer solchen Schrift sowohl durch seine ärztliche Erfahrung geeignet wie auch durch seine Stellung berufen. Gewidmet ist dieselbe dem X Grand-baill}" de la Ville de Gand», dem »Premier de la dicte Ville« und dem »Magistrat de la mesme ville.« In der Widmung ist auch bemerkt, daß der Verfasser bereits 41 Jahre »Medecin Pensionaire« der

1 ; .

b '

’) Der genaue Titel ist : »Discours et advis / sur les Aus de ventre douloureux, /

soit qu’ il y ayi du sang ou point. / Sur le Trousse gallant: dict Cholera morbus: la

peste : les / effects signalds incroyables de l’eau [so geht es noch durch acht

Druckzeilen voran, dann folgt:] Composds par M. Heiman van der Hey^den, / Medecin

Pensionaire de la ville de Gand. / Imprimd ä Gand, chez Seruais Manilius, au Pigeon /.

blanc, M. DC. XLIII. Et 1’ addition: M, DC. XLV«. Der Teil des Titels, welcher fOr

die Chinarinde in Betracht kommt, lautet: »Les Fieuvres tierces et quartes, causdes de

r infection des Poldres et terres auoisin^es de la Mer et d’autres Marescageusesc.

% - ...... . ... ^ _

Stadt Gent ist; demnach» war van der Hc3^den damals schon in hohem Alter und sein Geburtsjahr liegt sicherlich vor 1580.

Beachtenswert ist, daß ebenfaUs schon in der Widmung auf die in der Arbeit enthaltene Abhandlung über die Wechselfieber oder die Ma- laria, wie wir heute gewöhnlich sagen,^) hingewiesen wird. Die örtliche BeschafiTenheit von Gent und Umgegend war eben der Entwicklung der Malaria sehr günstig. Die sechste Abhandlung in der Schrift van der Heydens ist betitelt: »Sur les Fieuvres Tierce et Quarte, et leurs Acci- dens survenans: causes de V infection des Poldres, et Terres auoisinees de la Mer.« Sie enthält in vier Kapiteln (S. 86 iil) eine ganze^l^ihe interessanter Bemerkungen über Auftreten und Verbreitung, Prophyla: und Therapie der Malaria. Ein eingehender Bericht darüber gehört nicht in unsere Arbeit; nur sei bemerkt, daß die durch StechmückeI^' stattfin- dende Infektion in keinerlei Weise vermutungsweise ausgesprochen wird^ wenn auch die vom Verfasser zahlreich gegebenen prophylaktischea Regeln zum guten Teil uns heute fast nur bei Annahme einer der- artigen Übertragung des Krankheitsstofifes verständlich erscheinen. Dasselbe gilt übrigens von der prophylaktischen Behandlung der Malaria in vielen. Schriften, welche vor der Entdeckung der Infektion erschienen sind.

Kapitel II dieser Abhandlung behandelt das Tertianfieber. Bei der Therapie desselben findet sich auf S. 97 die erste, bis jetzt aus' einer alten Druckschrift nachweisbare Erwähnung des berühmten aus der China- rinde bereiteten Pulvers. Die Stelle lautet genau nach dem Original; >S’il (der Kranke) a}^me mieulx les poudres seules, le poids d\vne dragme plus ou moins des susdictes species Diacarthami est ic}^ convenable, comme encores davantage autant de poudre qu’ on appelle ic}^ Puluis indicas.t Demnach efnpfiehlt Hermann van der Hey^den, Arzt in Gent,^ im Jahre 1643 für Patienten, welche an Tertiana leiden und durch den Gebrauch von ]l^ulver kuriert zu werden wün- schen, in erster Linie »Pulvis indicus« in der Dosis von un- gefähr einer Drachme. Alle weiteren Angaben fehlen. Auch später bei der Quartana gedenkt der Verfasser des Pulvis indicus nicht mehr.

9 Es sei für obige Stelle sowie für unsere ganze Arbeit bemerkt, daß das Wort »Malaria« in allen erw^ähnten älteren Schriften nicht vorkommt. Ich bediente mich dieses Wortes wiederholt als einer kurzen, heute üblichen Ausdrucksweise. Schelenz (Gesch. d. Phil rm., 1904 S. I44) scheint der Ansicht zu sein, daß das Wort Malaria sehr alt seL Dies ist indes nicht der Fall. Mir ist dasselbe aus einer Schrift vor 1793 nicht bekannt.

In diesem Jahre schrieb'aber ein Anonymus: Discorso sopra la mal’aria e le malattie che cagiona principalmente in varie spiaggie d’Jtalia e in tempo di estale. Roma 1793.= Wie ersichtlich, ist es auch hier noch nicht die Krankheit selber, welche den Namen trägt Übrigens erinnert die Schreibweise noch sehr deutlich an die Bildungsweise des V Ortes. Zu dem Gesagten stimmt die Tatsache, daß das jVocabolario degli Accademici della Crusca in der Ausgabe von 1806 das Wort Malaria boch nicht keimt; aucli das große Dizionario v. A. Filippi (1817) führt es nicht an.,. \ ' '

Daß sich gerade in belgischen Schriften eine sehr frühe Erwäh- nung der Rinde finden kann, erscheint nicht befremdlich, wenn man sich der Vereinigung Belgiens mit Spanien erinnert Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß es sich tatsächlich um die Chinarinde handelt Zunächst ist kein anderes Heilmittel bekannt, welches je den Namen :»Pulvis indicus« gehabt hätte. Daß es als IMittel gegen die Malaria empfohlen wird, spricht ebenfalls für die Identität. Zudem war der Name »Pulvis indicusc für das Chinarindenpulver auch in der Zeit von 1650 1660 noch sehr verbreitet und wird'von den Schriftstellern dieser Zeit beständig gebraucht. Unter den zehn Namen, welche die Chinaschrift von Ammann-Rothmann 1663 in Kap. I, § 3 aufzählt, steht »Pulvis indicus« an erster Stelle. Rol. Sturmius, aus Löwen stammend, Arzt in Delft, berichtet gleich im An- fang seines Buches über die Chinarinde (1659; I; sectio I), das neue Heilmittel werde in Belgien (»in hoc nostro Belgio«) meist »Pulvis indicus« genannt. Zwar findet er mit Recht diese Benennung ::u unbestimmt und wünscht sie deshalb beseitigt, ein Wunsch, der ja auch bald nachher in Erfüllung ging. Schon Seb. Bado bringt 1663 in seirier »Anastasis« die Bezeichnung »Pulvis indicus« nicht mehr; ja in Italien scheint dieselbe überhaupt kaum in Gebrauch gewesen zu sein. '

Van der He^^den sagt wie es scheint, mit einer gevdssen Be- tonung — , man nennt das Heilmittel »ic^^«, also in Cient oder in ganz Belgien, pulvis indicus. Man darf vielleicht daraus schließen, daß ihm auch noch sonstige Namen, welche anderswo mehr in Gebrauch waren, nicht unbekannt geblieben sind, z. B. pulvis peruvianrs, cortex Peruviae, pulvis febrium und ähnliche. Ob er sie auch als »pul ;is Comitissae« ge- kannt hat, darf billig bezweifelt werden. Den Namen »fiihina« für dieses Heilmittel kannte er sicherlich nicht; ganz abgesehen davon, daß er China nicht als synonyme Bezeichnung für pulvis indicus anführt, be-

. S. 126, 146, 147).

Zusatz.

zeichnet er an mehreren Stellen seines Werkes (z. E die Chinawurzel als »China« ohne jeden erklärenden

Über die Person des Dr. Hermann van der Heyden ließ sich nur wenig ermitteln. Eine kurze Notiz über ihn findet sich in Foppens, Bibliotheca belgica, Brusellis 1739, P- 475- belgische »Biographie

nationale«, welche seit 1866 im Erscheinen begriffen ist, hat ihn unter H nicht aufgenommen; bei dem Buchstaben V ist das Werk noch nicht angelangt. Einiges konnte aus der Schrift, mit der wi' uns beschäftigen, entnommen werden, was bereits oben geschah. Fcppens berichtet: »Lovaniensis, Urbis ac Reipublicae Gandavensis Doctor Aledicus, vir cum in arte sua tum in politiori literatura multum versatus«. Van c erHey^den stammte also aus Löwen, aus jener Stadt, welche auch die Gebur;sstadt des mutigen Chinaverteidigers Rol. Sturmius (Storms) ist, welche aber auch den großen’

Geo-ner der Rinde Vop. Fort. Pleinpius fast vier Jahrzehnte als Professor der'^ Medizin hatte. Nach dem« Schriftenverzeichnis war die literarische Tätigkeit van der Heydens nicht sehr beträchtlich. Außer unserer Schrift sind bei Foppens angeführt: »Elegiae tres in adventum perillustr. Viri Caroli a Burgundiac, Gandavi 1619, und »Discursus tres etc.c, Gandavi 1649, und wiederum Londini 1653» ^2°. Der Titel des 2. Discursus dieser letzteren Schrift zeigt, was -auch schon in der von uns gewürdigten Schrift ersichtlich ist, daß van der Heyden in der Anwendung des kalten Wassers ein Heilmittel von :>unerhörter und unglaublicher Wirkung« sah. Geburts- und Todesjahr sind nicht angegeben.. -

Bei näherer Erwägung erscheint es ausgeschlossen, daß die 1643 durch van der Heyden empfohlene Rinde über es später mehrfach geschah nach Belgien einen kürzeren Weg genommen haben. Wann dorthin gebracht? Darf auch die oben erwähnte,

Italien und Rom wie gekommen ist; sie muß ünd durch wen wurde sie von dem Verfasser öfters

wiederholte Behauptung, daß er die empfohlenen Heilmittel durch lange

Zeit praktisch erprobt habe, nicht für jedes einzelne Heilmittel allzu-, sehr betont werden, so muß doch für das Jahr ]64i oder spätestens 1642 das Vorhandensein der Rinde in Belgien angenommen werden, zumal, wie hier noch eigens betont sei, van der Heyderj Malaria nicht in dem 1645 gedruckten Anhang, der Schrift vom Jahre 1643 steht

In der ältesten Geschichte der Chinarinde vor, welche von Flückiger ohne jeden erklärenden Zusatz Michael Belga genannt wird. In Flückigers Pharmakognosie (1891, S. 577) man: »Ebenso brachte Michael Belga die Droge um diese Zeit (kurz vorher sind die Jahreszahlen 1643 und 1649

Antwerpen und Brüssel«. Danach könnte maii ,

leicht dieser Michael Belga die fcnde direkt aus Amerika so frühzeitig nach Belgien gebracht, daß diese bereits 164^; durch den Genter Arzt als Heilmittel empfohlen werden konnte.. Doch die Sache gestaltet sich anders, wenn wir zu der einrigen Quelle für Schrift Chifflets vom Jahre 1653 zurückgehen

Abhandlung über die sondern in dem Hauptteil

ommt eine Persönlichkeit

diese Angabe, zur China-; Hier steht S. 5: >Etiam

Michael Belga, »a Veteri molendino« cognominatus, Byuxellam (Antwerpen fehlt!) attulit ex ipso Peruvio, ubi in regia civitate Lima per annos aliquot egerat in familia Marchionis de Macera, Peruvii IToregis.« Die Verbindung dieses Berichtes mit den vorausgehenden Angaben durch >um diese Zeitc finden wir bei Chifflet nicht, dafür bringt er aber andere Umstände, welche in etwa ein näheres Datum ermitteln lassen. iGehen wir auf die zitierte Stelle näher ein. Wer ist überhaupt dieser ^Jichael Belga? Wir haben eine völlig unbekannte und unaufgeklärte Persönlichkeit vor uns. Nirgend?

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findet er sich erwähnt. Den Zunamen »Belofa« hat er wohl nach seiner Heimat in Spanien oder Peru erhalten. Sein eigentlicher Name wird in lateinischer Form >a veteri molendinov< gewesen sein, was in der Sprache seiner Heimat van Oudenmolen oder ähnlich gelautet haben mag. Sein Verhältnis zum IMarquis de Macera, der als Vizekönig von Peru unmittel- barer Nachfolger des Grafen Chinchon war, verbreitet über die Persönlich- keit ebenfalls kein weiteres Licht, aber wir gewinnen dadurch einen Anhalts- punkt für die Zeit.^) IMacera war Vizekönig von 1640 bis 1650; auch er brachte, ähnlich wie vor ihm Graf Chinchon, bei seiner Rückkehr Fieber^'v rinde nach Spanien, wahrscheinlich erst 1651. Michael Belga war also frühestens vom Jahre 1640 an in Lima einigejahre inseinen Diensten. Demnach kann durch Michael nur während der Zeit voi^ 1645 1652 die Rinde aus Lima nach Belgien gebracht worden sein, \ demnach, so folgern wir weiter, war Michael Belga nicht der erste, welcher 'X die Rinde in Belgien eingeführt hat. Ja es liegt sogar der Schluß nahe, daß Michael erst mit dem Vizekönig aus Amerika zurückgekehrt ist und die Rinde mithin 1651 oder 1652 nach Brüssel gebracht hat. Dafür spricht - in etwa auch, daß Chifflet zuerst berichtet, daß Jesuiten von Rom äus die Rinde nach Belgien brachten, und dann erst den oben zitierten Satz ^ber Michael Belga beifügt.

^ Läßt sich denn bestimmt nachweisen, daß nicht etwa die Jesuiten von Rom aus schon vor 1643 die Rinde in Belgien einführten? Die Beweise dafür, daß dies nicht geschah, dürfen wohl als hinreichend bezeichnet werden. Die Verbreitung der Rinde in Europa durch die Jesuiten wird in den frühesten Berichten immer mit einer in Rom stattgefundenen Generalkongre- gation des Ordens in Verbindung gebracht. Der älteste, Bericht darüber ist der Chifflets vom Jahre 1653; er lautet: »Roma deinde in Belgium attulere (sc. corticem) Societatis Jesu Patres, qui ad electionem Praepositi Generalis in Urbem confluxerunt.«*) Unsere Frage ist aber mit diesem Bericht nicht

’) Wer war Michael Belga? Diese Frage bleibt also völlig offen. Der bekannte KosmOgraph jener Zeit Michael Florentius Langrenus hatte Beziehungen zum Madrider und Brüsseler Hof und auch zu dem Leibarzt Chifflet; ich zog daher die Möglichkeit in Betracht, daß er mit Michael Belga identisch sei. Aber nach freundl. Mitteilung von H. Bosmans S. J. in Brüssel, der besondere Studien über Langrenus _veröffentlicht hat,- kann Langrenus nicht in Amenka gewesen sein. Aus der belgischen Biographie nationale, I aus Foppens’ Bibliotheca belgica. aus Antonios Bibliotheca hisp. nova und einigen an-1 deren Werken war nichts über Michael Belga zu ermitteln. |-

-) .Die Ausdrucksweise Chifflets läßt einen Irrtum begreiflich erscheinen, der sjch | mitunter in medizinischen und pharmazeutischen Schriften findet Man berichtet nämlich, 1 daß damals die Jesuiten in Rom zum Ordenskapitel zusammengeströmt seien. Es nehmen indes an der Gbneralkongregation von jeder Ordensprovinz nur 3 Mijtglieder teil, von denen eines der jeweilige Provinzial ist, während die 2 anderen in der -vorausgehenden Provinzialkongregation gewählt werden. ' - ^ ... ^ 1

ohne weiteres entschieden, weil damals wegen des raschen Ablebens mehre-' rer Generäle innerhalb einiger Jahre drei Generalkongregationen statt- fanden, nämlich die VIII., IX. und X. Im Jahre 1615 wurde von der VII. Generalkongregation P. Mutius Vitelleschi zum General gewählt. Unter.' ihm kam die Rinde, wie hier kurz bemerkt sei, tatsächlich zuerst nach Rom.

Als er 1645 starb, wurde durch die VIII. Kongregation sein Nachfolger ge- wählt, am 7. Tanuar 1646; aus dem oben angeführten Grunde kam es aber am 21. Dezember 1649 IX. Kongregation und am 21. Januar und

17. März 1652 auf der X. Kongregation zu weiteren Wahlen. Daß die Patres bei ihrer Rückkehr von Rom in die heimatliche Ordensprovinz im Anfang des Jahres 1650 *und im Jahre 1652 Rinde mitnehmen konnten, \ ' unterliegt keinem Zweifel. Aber schon nach der VIII. Kongregation, welche Mitte April 1646 ihr Ende erreichte, konnten die Patres, wie kurz gezeigt werden soll, die Rinde von Rom aus in die verschiedenen europäischen“.”" Länder übertragen. Aus der Geschichte der damaligen Ordensprovinz Peru ließ sich feststellen, daß auf der Provinzialkongregation in Lima P..Bar- ; - tolom^ Tafur am 2. April 1642 zum Prokurator der dortigen Provinz er- ' wählt wurde. Die Aufgabe eines solchen »Prokurators« war, beim Ordens--, j. general persönlich über den Stand der betreffenden Ordensprovinz zu berichten, wozu noch zahlreiche Geschäfte kamen, welche im Interesse der Missionen, sei es in Madrid, sei es bei der päpstlichen Kurie^ zu er-; ledigen waren. Aus diesen Angaben wird ersichtlich, daß von der Abreise . von Lima bis zur Rückkehr dahin ein Zeitraum von fünf Jahren leicht .verstreichen konnte. Vor Ende des Jahres 1644 P- Tafur nicht in

Rom angelangt sein. Jedenfalls steht aus den Katalogen fest, daß er am 15. August 1645 hei Eröffnung der A^III. Generalkongregation zugegen war und auch bis Mitte April 1646, d. h. bis zum Schluß der Kongregation blieb. Demnach ist P. Bartolome Tafur jener Prokurator, von dein schon in der ältesten Literatur der Rinde die Rede ist, freilich unter allerlei Verwechslungen; nur er kann es auch sein, der auf der Reise von Spanien nach Italien im Jahre 1643 Ludwig XIV. »alors dauphin«, wie die ersten Berichte darüber hervorheben in Paris mit der Rinde vom Wechselfieber befreit hat, wenn es sich überhaupt um ein ^ historisches Vorkommnis handelt und nicht etwa lediglich um eine Verwechslung mit einem viel späteren Ereignis.^) Eine andere Persönlich- . keit als die Tafurs kann auch gar nicht in Betracht kommen, da der fol- gende, von Peru entsandte Prokurator erst am l. November 1653 in Lima gewählt wurde, also vor 1655 nicht in Rom eintreffen konnte. Die bisherige Darstellung wird auch dadurch bekräftigt, daß sich besondere Verbindungen Tafurs mit dem Kardinal de Lugo es handelte sich um theologische

*) Vgl. auch oben S. 31 u. 33.

Schriften in Rom nachweisen lassen. So wird leicht verständlich, wie , de Lugo mit der Rinde besonders bekannt wurde. j

Die vorausgehende Erörterung zeigt zwar klar, daß Tafur mit der Rinde auf jeden Fall früher in Spanien anlangte, als Michael Belga im günstigsten Fall damit in Brüssel eintreffen konnte, aber sie zeigt auch ebenso klar, daß die 1643 von dem Genter’Arzt H. van der He}^den veröffentlichte Empfehlung des Rindenpulvers nicht von der durch Tafur überbrachten Rinde abhängig sein kann. Die Schrift van der He}’dens setzt eine frühere Überführung der Rinde voraus. Wir werden zunächst an den Vize^önig Grafen C h i n c h o n, der J 64 1 mit Rinde in Spanien eintraf, zu denken haben und etwa noch an seinen Leibarzt de Vega, von dem wir allerdings sehr wenig wissen. Es müßte in diesem Falle von Spanien aus direkt Rinde nach Belgien gelangt seih, was ja an sich leicht möglich war. Freilich war die Zeit dazu sehr knapp bemessen und es erhebt sich deshalb erneut"“ die Frage, ob die alte Angabe, welche so oft gemacht und ebenso oft wieder fallen gelassen wurde, nicht dennoch zu Recht besteht, daß die erste Chinarinde schon bald nach 1630 in Europa eingeführt wurde. Doch soll die verwickelte Frage der Entdeckung der Rinde durch die Europäer und ihrer ersten Versendung nach Europa einer späteren Arbeit Vor- behalten bleiben. - ' . ^ -

Feldkirch, den 10. Juni 1905. . . . .

Jos. Rompel S. J.

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